Druckschrift 
Die Baumwollfrage : ein weltwirtschaftliches Problem / von Helfferich
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12

Die Baumwollfrags,

Wenn diese gewaltige und unvorhergesehene Steigerung der Preise der Roh-baumwolle geeignet ist, den Konsum von Baumwollwaren, erheblich einzuschränken unddamit zu einem dauernden Notstand der Baumwollindustrie, namentlich in den europä-ischen Staaten, zu führen, so haben bereits jetzt die Knappheit der Baumwollzufuhrund die heftigen Preissluktuatioueu ihre verhängnisvollen Wirkungen gezeigt. In alleneuropäischen Industriestaaten hat die Banmwollindustrie unter den mißlichen Verhält-nissen schwer gelitten; es sind Betriebseinschränkungen und Arbeiterentlassuugen in großemUmfang notwendig geworden. Der Nationalreichtum hat eine nicht zu unterschätzendeEinbuße dadurch erfahren, daß der Banmwollbedarf dem Auslande zu beträchtlich er-höhten Preisen hat bezahlt werden müssen. Allein Deutschland hat seine Baumwoll-einfnhr im Jahre 1903 mit etwa 150 Millionen Mark teurer bezahlt, als sie ihm beiden Preisen des Jahres 1398 eingestanden wäre. Am schlimmsten ist natürlich diemächtigste Baumwollindnstrie der Welt, die britische Baumwollindustrie, getroffen worden.Nach Emmott sind im Herbst 1903 in England allein den Arbeitern 2 Millionen Pfd.Sterl. an Löhnen infolge von Beschränkungen der Arbeitszeit und Betriebseinstellungenverloren gegangen; gegenwärtig arbeitet die große Mehrzahl der Fabriken, die ameri-kanische Baumwolle verspinnen, nur 40 Stunden in der Woche an Stelle der normalenZeit von Stunden, alles infolge der Knappheit an Rohbaumwolle. Dazu kommendie schweren Verluste für die Unternehmungen, die bei den unerhörten Preisschwankungender letzten Jahre auch für den solidesten Geschäftsbetrieb unvermeidlich sind.

So mißlich und schwierig diese neueste Phase der Baumwollversorgung an sichschon ist, so kommt als ein wesentlich erschwerendes Moment hinzu, daß ein einzigesStaatswesen, das sich ohnehin in einer mächtigen wirtschaftlichen Position befindet,nämlich die Union, den Weltmarkt in Baumwolle, und insbesondere die Baumwoll-versorgung der europäischen Industriestaaten, geradezu absolut beherrscht. Die Tat-sache, daß von etwa 16 Millionen Ballen der Weltproduktion 10 bis 11 MillionenBallen oder 60 bis 70 pCt. aus den Bereinigten Staaten herrühren, ist zwar allein schonflagrant genug, aber sie stellt die wirkliche Herrschaft Amerikas über die europäische Baumwollindustrie noch keineswegs in das richtige Licht. Wir müssen bedenken, daßnamentlich von der indischen Baumwollernte der größere Teil dem europäischen Marktnicht zur Verfügung steht, daß der Baumwollertrag von Turkestan und der Kaukasus-länder ausschließlich der russischen Baumwollindnstrie zufließt, daß ferner der weitausgrößte Teil der europäischen Baumwollindnstrie mit den Maschinen usw. ganz undgar auf die amerikanische Baumwolle eingerichtet ist, die sich in ihrer Beschaffenheitvon dem Erzeugnis der nächstwichtigen Produktionsgebiete, Indien und Ägypten , sowesentlich unterscheidet, daß sie durch diese anderen Sorten nicht ohne weiteres ersetztwerden kann. Das war nicht immer so, die Verhältnisse haben sich vielmehr auchnach dieser Richtung hin erst während der letzten Jahrzehnte so bedenklich zugespitzt. Ineinem höchst interessanten Bericht, den Professor Wyndham Dunstan, Direktor desIwpei-i-U Instituts in London , im April d. Js. dem öoai-ü vk 1°i-g,äs über dieBaumwollkultur im britischen Reich und in Ägypten erstattet hat und der demenglischen Parlament kürzlich vorgelegt worden ist, wird über die geschilderte Sachlagefolgendes ausgeführt: