— 35 -
mit dem deutschen Botschafter hervorgegangenen Vermittlungsvor-schlag dringend zu empfehlen? Wenn es Sir Edward Grey ernstdamit war, auf dieser Grundlage im letzten Augenblick noch eineEinigung herbeizuführen, und wenn er das durch die Interventiondes deutschen Kaisers erreichte Zugeständnis des Grafen Berchtold, die Note an Serbien mit Russland materiell zu diskutieren, aufrichtigbegrüsste, welche Gefühle musste es dann in ihm erwecken, dassdie russische Regierung über die noch vorhandenen Friedensaus-sichten und seine eigenste Anregung hinaus am 31. Juli die allge-meine Mobilmachung anordnete und damit einen Krieg unvermeid-lich machte, in den nach allem Vorhergegangenen auch England hineingezogen werden musste?
Wenn der brüske und unerhört folgenschwere Schritt Russ-lands bei Sir Edward Grey überhaupt Gefühle auslöste, dann mussman ihm zugeben, dass er seine Gefühle zu bemeistern versteht. ImBlaubuch findet sich jedenfalls keine Spur eines solchen Gefühls,auch niche die Spur irgendeines Remonstrierens gegen den allesverderbenden russischen Schritt oder irgendeines Versuchs, auf Russ-land einzuwirken, um eine Aufschiebung der angeordneten Mobil-machung oder befriedigende Aufklärung an Deutschland zu erlangen.
Dagegen machte Grey den von vornherein aussichtslosen Ver-such, die Verhandlungen weiterzuspinnen und Deutschland zu be-wegen, im mobilen Zustande still zu halten. Letztere Zumutungwurde von Deutschland abgelehnt. Der Staatssekretär von Jagow er-klärte Sir E. Goschen: Russland sage, dass seine Mobilisationnicht notwendig den Krieg bedeute, denn Russland könne sehr wohlfür einige Monate im mobilen Zustand bleiben ohne Krieg zu füh-ren; dies sei aber bei Deutschland nicht der Fall. Deutschlands Vor-teil sei die Schnelligkeit, Russlands Vorteil die Zahl, und die Sicher-heit Deutschlands verbiete, dass Deutschland Russland gestattenkönne, seine Truppenmassen aus allen Teilen des weiten Reicheszusammenzubringen (Blaubuch No. 138).
Ferner konzentrierte Sir Edward Grey, nun die Würfel gefallenwaren, seine Anstrengungen darauf, die Karten so zu spielen, dasssich für das sofortige Eintreten Englands in den Krieg ein Anlass er-geben musste, der auch dem einem Krieg mit Deutschland immernoch widerstrebenden Teil des britischen Kabinetts und der bri-tischen öffentlichen Meinung als zwingend erscheinen sollte.
Blau- und Gelbbuch in ihrem Zusammenhalt ergeben, dass Grey,der seit dem 29. Juli Paul Cambon gegenüber moralisch so stark ge-bunden war, wie man es nur sein kann, einige Schwierigkeitenhatte, im englischen Kabinett die blosse Hineinziehung Frankreichs in den Krieg als ausreichenden Grund für die aktive MitwirkungEnglands durchzusetzen. Die Cambon'sche Interpretation, ein Krieg,
3"