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Fall zur Frage der Hegemonie über Europa werde, so wür-den wir zu entscheiden haben, was für uns zu tun nötig sei).
Herr Cambon hat Sir Edward Grey in der Tat ausgezeichnetverstanden, auch in dem, was er nicht ausgesprochen hat: das eng-lische Kabinett braucht in Rücksicht auf die öffentliche Meinungfür sein Eingreifen einen anderen Ausgangspunkt als einen serbisch-österreichisch-ungarischen oder russisch-deutschen Konflikt; füreinen solchen anderen Ausgangspunkt kann und muss gesorgt wer-den. Jedenfalls sieht England einen Konflikt, in dem auch Deutsch-land und Frankreich sich gegenüberstehen, als eine Frage der Hege-monie über Europa an, woraus sich dann die von der englischen Re-gierung formell noch zu fassenden Entschlüsse von selbst ergeben.
Der verständnisvolle Herr Cambon zögerte denn auch nicht,nachdem auf Grund dieser Unterhaltung mit Sir Edward Grey die Zusage der französischen Waffenhilfe an Russland gegeben war, fürandere Ausgangspunkte (issues) des um sich greifenden Brandes zusorgen. Er präsentierte Sir Edward Grey am folgenden Tag, 30. Juli,den Wechsel vom November 1912, begleitet von einer Notiz desPariser Auswärtigen Ministeriums über angebliche deutsche Kriegs-vorbereitungen an der deutsch -französischen Grenze 6 ), und mit demihm eigenen Scharfblick sah er voraus, dass Deutschland jetzt Frank-reich angreifen werde, sei es in der Form einer Forderung auf Ein-stellung der französischen Kriegsvorbereitungen, sei es in der Formdes Verlangens einer französischen Neutralitätserklärung für den Falleines deutsch-russischen Krieges. Beides werde Frankreich ablehnenmüssen (Blaubuch No. 105).
Ein drohender Angriff auf Frankreich und die Gefährdung deseuropäischen Friedens, die beiden Voraussetzungen, unter denenüber das Effektivwerden des für diesen Fall verabredeten Zusam-menwirkens der englischen und französischen Land- und Seestreit-kräfte alsbald Beschluss gefasst werden sollte, war also nach Auf-fassung der französischen Regierung gegeben. Die Entscheidungdes englischen Kabinetts konnte nach der am 29. Juli stattgehabtenUnterhaltung zwischen Grey und Cambon nicht mehr zweifelhaft sein.
Hat Sir Edward Grey gewusst, dass die französische Regierungnoch am 29. Juli Russland ihre unbedingte Waffenhilfe zusagte,mit der Russland entschlossen war, alle Risiken eines Krieges aufsich zu nehmen ? Wenn ja, hat er dann am 30. Juli noch mit irgend-einer Aussicht auf Erfolg an Buchanan den Auftrag telegraphierenkönnen, der russischen Regierung den neuen, aus der Unterhaltung
6 ) Diese Notiz in der Fassung, wie sie in dem englischen Blaubuchveröffentlicht worden ist, kann aus den oben in Anmerkung 1 dargelegtenGründen nur nachträglich fabriziert sein.