J3i £ Regierungen Englands, Russlands und Frankreichs habengeglaubt, durch die Veröffentlichung ihres diplomatischen Schrift-wechsels aus den Tagen vor dem Ausbruch des Weltkrieges vor denAugen ihrer eigenen Völker und der gesamten Kulturwelt den Be-weis führei zu können, dass die Schuld an dem gewaltigsten Blut-vergiessen, das jemals die Erde erlebt hat, lediglich auf das „kriegs-lüsterne Deutschland" entfällt, und dass sie ihrerseits alles getanhaben, um die Katastrophe zu vermeiden. England hat ein Blau-buch, Russland ein Orangebuch, Frankreich ein Gelbbuchder Oeffentlichkeit übergeben. Eine Reihe von Anzeichen sprechendafür, dass diese Veröffentlichungen, die sich den Anschein der Voll-ständigkeit geben, wichtige Lücken aufweisen, und speziell im Falledes französischen Gelbbuches kann der Nachweis als erbracht ange-sehen werden, dass gewisse dort wiedergegebene Dokumente nach-träglich fabriziert worden sind. 1 ) Trotzdem verdienen die Ver-öffentlichungen ein sorgfältiges vergleichendes Studium.
!) So enthält das Gelbbuch in seinem I. Kapitel, betitelt „avertisse-inents", eine Reihe von Dokumenten, die, vom März 1913 beginnend,die Zunahme der Kriegsstimmung in Deutschland beweisen sollen. Dar-unter befindet sich als No. 5 eine vom 30. Juli 1913 datierte Aufzeich-nung des französischen Ministeriums des Auswärtigen, in der es heisst:
„M. von Kiderlen fut l'homme le plus haï de l'Allemagne, l'hiverdernier. Cependant il commence à n'être plus que déconsidéré, car illaisse entendre qu'il prendra sa revanche" (Herr von Kiderlen war imletzten Winter der bestgehasste Mann in Deutschland . Indessen fängter an nur noch missachtet (statt gehasst) zu sein, denn er gibt zu ver-stehen, dasj er seine Rache (für Marokko ) nehmen wird).
Staatssekretär von Kiderlen, der hiernach im Juli 1913 anfing aufRache zu sinnen, war bereits im Dezember 1912 gestorben, eine Tat-sache, die demjenigen Beamten des Quai d'Orsay, der dieses Gelbbuch-dokument nachträglich fabriziert hat, offenbar nicht gegenwärtig war.
Ein ähnliches Missgeschick ist mit einer Aufzeichnung passiert, dienach dem englischen Blaubuch Herr Paul Cambon , französischer Bot-schafter in London , angeblich am 30. Juli 1914 dem englischen Staats-sekretär des Aeussern überreicht hat, und deren Inhalt sich auf diedeutschen militärischen Vorbereitungen an der elsass -lothringischenGrenze bezieht (Blaubuch No. 105, Anlage 3). Durch die Datierungdieser Note vom 30. Juli soll der Eindruck erweckt werden, als ob da-