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Die Entstehung des Weltkrieges im Lichte der Veröffentlichungen der Dreiverbandmächte / von Karl Helfferich
Entstehung
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gekommen, ohne dass Sasonoff sich veranlasst gesehen hätte, eineGegenfrage wegen der angeblichen deutschen Mobilmachungsmass-nahmen zu stellen (Qelbbuch No. 103). Auch der Zar erwähntein seinen Telegrammen an den deutschen Kaiser zu keiner Zeitund an keiner Stelle irgend etwas von den deutschen militärischenMassnahmen, die nach der Darstellung seiner Regierung einen Grundzur russischen allgemeinen Mobilmachung gebildet haben sollen.

Die Unwahrhaftigkeit der Begründung der russischen allge-meinen Mobilmachung mit deutschen Massnahmen wird völlig klargestellt durch die Tatsache, dass das französische Gelbbuch be-stätigt (No. 102), dass der russische Generalstabschef dem deut-schen Militärbevollmächtigten noch am 29. Juli sein Ehrenwortgegeben hat, dass die militärischen Massnahmen Russlands aus-schliesslich gegen Oesterreich-Ungarn, nicht auch gegen Deutsch-land gerichtet seien. Wenn Russland von militärischen Massnah-men Deutschlands zu wissen glaubte, hätte dann der russische Ge-neralstabschef irgendeine Veranlassung zu einem solchen Ehrenwortgehabt? Und wenn nachträglich der russischen Regierung Mittei-lungen über bedrohliche deutsche militärische Vorbereitungen zu-gegangen wären wie dies Herr Sasonoff zwar gegenüber demfranzösischen und englischen Botschafter, niemals aber gegenüberdem deutschen Botschafter behauptete, hätte dann nicht derrussische Generalstabschef auf Grund des gegebenen Ehrenwortesdie dringendste Veranlassung gehabt, sich gegenüber dem deutschenMilitärbevollmächtigten über die durch solche Nachrichten verän-derte Situation auszusprechen, und dies bevor der nicht mehr gutzu machende Schritt der allgemeinen russischen Mobilmachung er-folgte? Nichts von alledem ist geschehen. Russland hat seine all-gemeine Mobilmachung lediglich dritten Mächten gegenüber mitden angeblichen deutschen Massnahmen begründet, gegenüber demdeutschen Kaiser, dem deutschen Botschafter und dem deutschenMilitärbevollmächtigten jedoch niemals ein Wort der Anfrage, ge-schweige denn der Beschwerde über die angeblichen deutschenVorbereitungen verlauten lassen, vielmehr stets beruhigende Ver-sicherungen abgegeben.

3) Die Weigerung Oesterreich -Ungarns, eine Interven-tion der Mächte zuzulassen. Diese von dem englischen Bot-schafter nach London übermittelte Begründung wirkt geradezu gro-tesk im Zusammenhalt mit der Tatsache, dass einmal ein neuervon Sir Edward Grey ausgehender Vermittlungsvorschlag von derdeutschen Regierung an die österreichisch-ungarische Regierungtags zuvor weitergegeben worden war und dass die Antwort Oester-reichs auf diesen Vorschlag noch ausstand ; dass ferner am 30. Julinachmittags in Wien eine Besprechung zwischen dem Grafen