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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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VII DIE BELAGERUNG VON BRESCIA

trübe und wankelmütige Stimmung in der Stadt wußte Barbaro meister-haft zu leiten und vor Erschütterungen zu hüten. Nach einer Schlappeder Söldnertruppen bei einem Ausfall schärft er den Soldaten ein, nichtsdavon in der Stadt zu erzählen, damit die Bürger nicht mutlos würden;er stärkte mit seinem gütigen Zuspruch den Mut der Kämpfer so, daß siein gehobener Stimmung zurückmarschierten, obwohl sie sich schlechtgeschlagen hatten. Nun trug es sich zu, daß bei einem unglücklichenGefecht ein Feigling seinen Posten verließ, in die Stadt rannte unddort Bestürzung unter den Fragern hervorrief; er selbst gab vor, krankzu sein. Barbaro läßt vor der Menge diesen Entschuldigungsgrund gelten,damit sich nicht die Angst in der wankelmütigen Menge verbreite; späterwird der Deserteur auf seinen Befehl zum abschreckenden Beispiel hin-gerichtet. In dieselbe Richtung geht auch Barbaros Vorsicht, das Gemütseiner Bürger zu schonen und ihnen Aufregung, wie auch jeden über-flüssigen traurigen Anblick zu ersparen. Der allgemeine Begräbnisplatzwar so gelegen, daß man die Toten, die die Pest und der feindliche Sturmhinraffte, mitten durch die Stadt tragen mußte, um sie zu bestatten. Derstündlich sich wiederholende Anblick der vorübergetragenen Bahrenwirkte auf die Zuschauenden auf die Dauer so niederdrückend und derJammer der Angehörigen so herzzerreißend, daß Barbaro den Trägernverbot, den Weg durch die Stadt zu nehmen; sie sollten die Toten derSchlacht vorläufig in einer Kapelle aufbahren 50 . Die Zahl der Verwundetenbei diesen Abwehrkämpfen übertraf bei weitem die der Gefallenen. Er-wähnt sei noch das Allheilmittel, das damals die Brescianer Ärzte allenKranken und Verwundeten verordneten, und von dem man sich außer-ordentliche Heilwirkung versprach: Zucker; in jenen Zeiten noch einkostbares Kolonialprodukt, das jedoch der Handelsmacht Venedig in sogroßen Mengen zur Verfügung stand, daß sie ihre Untertanenstädte reich-lich mit diesem Nahrungs- und Kräftigungsmittel versorgen konnte.Einen Monat lang bombardierte Piccinino ununterbrochen die Stadt undsuchte die Mauern zu zertrümmern, um zum Generalangriff schreiten zukönnen. Am 22. November verlangen die Rektoren von der Bürger-schaft die größte Kraftanstrengung für die unmittelbar bevorstehendeZeit. Weil die Beschießung unter den wehrhaften Männern schon zugroße Verluste gerissen hat, müssen nun auch die Frauen und Mönche