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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
217
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DIE BESCHIESSUNG BRESCIAS

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ins Unglück gekommen wäre, hätte er ihm wohl geholfen und er, Bar-bara, würde sich freuen, wenn der Abt, der doch wohl ins feindlicheLager nicht mit unfreundlichen Absichten gegen ihn, sondern in seinemOrdensgewande gekommen wäre, auch etwas für ihn auszurichten ver-möchte; aber es handle sich ja nicht um seine eigne Person, sondern umdie gemeinsame italienische Sache, die auf dem Spiele stehe. Wegen derBelagerung um ihn sich zu sorgen, sei wirklich nicht nötig, ruft Barbarodem Abte zu, denn mit dem Beistand Gottes habe er das Vertrauen, daßsie für Italien zum großen Nutzen und zum Ruhme der freien Völkerausgehen werde 48 .

Der Mangel an Lebensmitteln macht sich immer bedrohlicher bemerk-bar. Im großen Rat der Bürger wird sogar ernstlich die Frage erwogen, obman Frauen und Kinder nicht heraus ins feindliche Lager schicken solle,um weniger Menschen in der Stadt sättigen zu müssen. Man kann sichnicht einigen und legt die Fragen den Rektoren vor, weil die Räte dieVerantwortung eines so folgenschweren Schritts allein nicht glaubentragen zu können. Barbaro und Donato entscheiden gegen die Aus-treibung, weil sie der Stadt eher schade als nütze. Von der Wut der Be-lagerer mußte man auch, wie sich bald herausstellen sollte, das Schlimmstefür die wehrlosen Angehörigen erwarten. Die größte Freude über diesenEntscheid zeigten die von Angst befreiten Frauen, und die Kinder auf demArm, zogen sie froh ihren aus der Ratssitzung heimkehrenden Männernentgegen 49 . Unter ihrer Anführerin Braida Awogadro, dem berühmtenHeldenmädchen von Brescia , das auch in Venedig unvergessen blieb, be-trugen sich diese Frauen heldenhaft. Doch spielt Braida ihre Rolle erstim nächsten Monat November, als die Not am höchsten stieg. Zuerst griffPiccinino wieder vom Norden her an, und die am nächsten bedrohte armeBevölkerung der Unterstadt floh bestürzt und in hellen Haufen in dieobere Stadt hinauf, als ob ihnen der Feind schon auf den Fersen folgte.Das verbreitete schlechte Stimmung und mißfiel Barbaro, aber er ver-mochte im Augenblick gegen die Feigheit der Leute nichts. Fürs erstelegte er einen Kondottiere mit Wachmannschaft in das verlassene Quar-tier, bis sich nach einem Monat die Leute wieder in ihre Häuser zurück-wagten; sie hatten eingesehen, daß die Wehr stark genug war, um sievor plötzlicher Überrumpelung und Niedermetzelung zu schützen. Die