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seinem Kollegen Iswolsky nicht das mindeste von einer allge-meinen russischen Mobilmachung bekannt sei (Blaubuch No. 117).
Wenn also die von Eussland angegebenen Gründe für dieplötzliche allgemeine Mobilmachung lediglich durchsichtigeVorwände waren, und wenn Eussland die folgenschwere Mass-nahme, ohne England und Frankreich auch nur zu informieren,in demjenigen Moment über das Knie gebrochen hat, inwelchem ein aussichtsvoller englischer Vermittlungsvorschlagunterbreitet worden war und die von Deutschland erreichteNachgiebigkeit Oesterreich-Ungarns die akute Kriegsgefahr be-seitigen musste, so bleibt hierfür nur eine Erklärung:
Die in jenem Augenblick in Eussland entschei-denden Persönlichkeiten wollten angesichts derauf deutsches Betreiben zutage tretenden Nach-giebigkeit der österreichisch-ungarischen Eegierungalle Brücken zum Frieden abbrechen und den Kriegunvermeidlich machen.
Wenn diese auf der Hand liegende Schlnssfolgerung nocheiner Bestätigung bedürfte, so wird ihr diese zuteil dnrch dasVerhalten Euss.ands nach der Ueberreichung des deutschen Ultimatums.
Während Deutschland, das bisher die russische Mobil-machung als Kriegsfall bezeichnet hatte, sich zunächst damitbegnügte, den Zustand der drohenden Kriegsgefahr, der nochnicht gleichbedeutend mit Mobilmachung ist, zu proklamieren,und der russischen Eegierung 12 Stunden (ablaufend am1. August mittags) Zeit liess, um ihre Mobilmachung rück-gängig zu machen, hat Eussland den deutschen Botschafterohne jede Antwort gelassen, auch nicht irgend einen Versuchgemacht, durch Vermittlung Dritter das Aeusserste abzu-wenden, dagegen in der Nacht vom 1. zum 2. August an dreiStellen der preussischen Grenze die Feindseligkeiten eröffnet.
Gegenüber diesem unbestreitbaren Sachverhalt wagt diefranzösische Eegierung folgende Darstellung (Zirkularnote derfranzösischen Eegierung vom 1. August, Gelbbuch No. 120):
Oesterreich-Ungarn hat sich endlich bereit finden lassen,mit Eußland den Inhalt seines Ultimatums an Serbien materiellzu diskutieren. Eussland ist bereit, auf Grund des englischenVorschlags in Verhandlungen einzutreten („le Gouvernementrusse est prêt à entrer en négociation sur la base de laproposition anglaise"). Unglücklicherweise werden diese Aus-sichten auf eine friedliche Lösung durch das Ultimatum Deutsch-lands vernichtet, das von Eussland die Demobilisation fordert.Das Ultimatum ist ungerechtfertigt, da Eussland den englischenVorschlag, der eine Einstellung der militärischen Vorbereitungeneinschliesst, angenommen hat („puisque la Eussie a acceptéla proposition anglaise qui implique un arrêt des préparatifsmilitaires de toutes les Puissances"). Deutschlands Haltungbeweist, daß es den Krieg will.