Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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seinen Zauber verlieren. Der blutige Riß zwischen den beid en mächtigenStaaten Mitteleuropas war zu tief, um nicht den Gedanken einerbaldigen Einigung auf münzpolitischem Gebiet völlig zu vernichten.

Am meisten jedoch veränderte der Krieg die Bedingungen für einenWährungswechsel.

Frankreich stand, wie wir gesehen haben, beim Ausbruch des Kriegesam Ende langwieriger uud eingehender Erhebungen über die Währungs-frage, welche entschieden zu Gunsten der Goldwährung ausgefallen waren.

Die allgemeine Ansicht war, daß Frankreich binnen kurzer Zeit seinbimetallistisches Münzsystem mit der Goldwährung vertauschen werde.Die Einführung der Goldwährung bot verhältnismäßig geringe Schwierig-keiten; da Frankreich thatsächlich einen weit überwiegenden Goldumlaufund nur verhältnismäßig wenig Silbergeld im Umlauf hatte, bedürftees kaum einer Abstoßuug von Silber, sondern lediglich eines Gesetzes,welches die freie Silberprägung aufhob und die Zahlungskraft der Fünf-frankenstücke beschränkte.

In Deutschland dagegen war man weit entfernt, vom Raten zumThaten übergehen zu können. Der behufs des Übergangs zur Gold-währung zu beschreibende Weg war durchaus noch nicht klargelegt, ganzabgesehen davon, daß sich die Negierungen über das Endziel der Reformselbst noch nicht entschieden hatten. Außerdem hätte in Deutschland zurEinführung der Goldwährung nicht, wie in Frankreich , der bloße Erlaßeines Gesetzes genügt, sondern der Silbernmlauf mußte in einen Gold-umlauf verwandelt werden, ein Problem, das ungleich schwieriger war,als das Problem der französischen Goldwährung.

So war vor dem Krieg Frankreich in allen Punkten Deutschland gegenüber in der Vorhand. Das bedeutete sehr viel; denn durch dieSchließung der französischen Münzstätten für das Silber mußte diesesMetall uach allgemeiner Ansicht eine größere oder geringere Entwertnngerfahren, und diese Entwertung mußte für Deutschland den Übergangzur Goldwährung sehr kostspielig, vielleicht sogar für absehbare Zeitunmöglich machen. Deutschland wäre dadurch in einen Währungs-gegensatz zu denjenigen Völkern gekommen, mit welchen es durch diewichtigsten Handelsbeziehungen verbunden war.

Der Krieg kehrte die Lage geradezu um.

Zunächst erzeugten die glänzenden Waffenerfolge in Deutschland einthatenlustiges Hochgefühl, sie erweckten die Lust an entschlossenem Handelnund ließen uns so den Vorsprung, welchen Frankreich durch seine sorg-