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Möglichkeit sei, und daß Papiergeld und Banknoten ebenso sehr wie dasMünzwesen einer Reform bedurften.
Wir wissen, aus welchen Gründen die Reichsregierung ihren Einflußdafür geltend gemacht hatte, daß zuerst die Grnndlageu für das neueMünzwesen gelegt werden sollten, ehe man die Reform der papiernenUmlaufsmittel in Angriff nehme. Sie wies darauf hin, daß die Aus-wüchse des Papiergeld- und Banknotenumlaufs ihre Ursache in denVerhältnissen der Silberwährung hatten, daß bei dem Mangel an Gold-münzen die kleinen Zettel eine Notwendigkeit für den Verkehr seien; daßman also gut daran thue, erst die Ursache dieser Mißstände zu beseitigenund einen genügenden Goldumlauf zu schaffen, ehe man an den Papier-umlauf selbst die bessernde Hand lege.
Das waren vernünftige Erwägungen, denen sich nicht leicht jemandverschließen konnte, und deshalb fand die isolierte Vorlegung des Ge-setzes, betreffend die Ausprägung von Goldmünzen anch bei denjenigenkeinen Widerspruch, welche ein reformiertes und gut organisiertes Bank-wesen als das beste Mittel für die Durchführung der Münzreform an-sahen und deshalb im Grunde am liebsten das Bankwesen vor derMünzverfassung reformiert hätten.
Aber die Gründe, welche von der Reichsregierung im Jahre 1871für ein Hinausschieben der Papiergeld- und Bankreform ins Feld ge-führt wnrden, bestanden zur Zeit der Einbringung des Münzgesetzeslängst nicht mehr in vollem Maße. Die Prägung von Neichsgoldmünzenhatte damals schon, dank der unausgesetzten und angespannten Thätig-keit der deutschen Münzstätten, einen ansehnlichen Betrag erreicht undmachte täglich neue Fortschritte. Waren auch bisher von den neuenGoldmünzen nur wenige in den Verkehr gedrungen, vielmehr die großeMasse in den damals reichlich gefüllten Kassen des Reichs und derBundesstaaten und namentlich der großen Bankinstitute festgehalten, sokonnte es doch keiuem ernstlichen Zweifel unterliegen, daß bei den fort-gesetzten Ausprägungen die Goldmünzen in kürzester Zeit in großemUmfang für den täglichen Verkehr verfügbar werden mußten. Sobalddies der Fall war, lag kein Grund mehr vor, eine Reform des Papier-geld- und Banknotenwesens in Rücksicht auf die kleinen Zettel zu ver-zögern. Ein Gesetz, welches eine derartig schwierige und verwickelteMaterie wie den Papierumlaus eines großen Reiches auf völlig neueGrundlagen zu stellen hat, läßt sich aber nicht in dem Augenblick, der eswünschenswert erscheinen läßt, herbeizaubern. Eine weise Voraussicht er-