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Das von den Gründern der Stadt erwählte und durch denGründungsritus eingegrenzte Gebiet war die Gesamtheit des pala-tinischen Hügels, (der späteren Stätte der Kaiserpaläste zwischendem Forum und dem Aventin), welche durch die rings am Fuß desHügels in der Tiefe gepflügte Grenzfurche (gemäß etruskischemRitus, unter Freilassung dreier Tore) eingeschlossen wurde.
V.
Die Zahl der ersten Ansiedler wird verschieden angegeben.Es wird die Zahl 1000 und die Zahl 3000 gneannt.
Wahrscheinlich waren die Siedler Hirten. Daß die Führerder Gründung Königssohne und Zwillinge gewesen sind, diese Ro-mulus und Remus hießen, Romulus den Bruder nach erfolgterGrenzziehung erschlug, muß mitsamt des ganzen sonstigen Sagen-komplexes, welchen namentlich Livius berichtet, dahin gestelltbleiben. Dagegen ist von Bedeutung, hier festzustellen, daß dieSiedler nicht über das Meer und nicht sonst aus irgendwie be-trächtlicher Entfernung gekommen sind. Die heutige Campagna(im weitesten Sinn genommen) war vor Roms Gründung von kei-nem der drei Völker in Besitz genommen, welche das Tiefland desTibers südlich, östlich, nördlich vor sich hatten, nämlich Etruskerim Norden, Sabiner im Osten (Sabinerberge), Latiner im Süden(Albaner Gebirge). Es gilt heute für sicher, daß die GründerRoms Latiner waren. Die Sage, daß sie aus Alba Longa ausge-wandert seien, etwa infolge eines ,,ver sacrum“ 8 ), ist als haltlos
8 ) „Ver sacrum“ (in der Fachliteratur übersetzt: „heiliger Lenz“) einVorgang, welcher folgendermaßen beschrieben wird: „Es war ein sabinischer,übrigens auch andern Völkern Alt-Italiens und Alt-Griechenlands nicht frem-der Brauch, in schweren Kriegsläuften oder Sterbezeiten einen „heiligenLenz“ zu geloben. Alles im nächstfolgenden Frühling Geborene, Menschenund Vieh, war in Folge dieses Gelübdes den unterirdischen Göttern, vorzüg-lich dem Mars, geweiht: das Vieh wurde geopfert, die junge Mannschaftnach Umlauf einer gewissen Anzahl von Jahren, einem im Frühling auszie-henden Bienenschwärme gleich, über die Grenzen gesandt, sich neue Wohn-sitze zu erobern. Die ganze Einrichtung scheint, wie sich kaum bezweifelnläßt, an die Stelle ursprünglicher Menchenopfer getreten zu sein.“ (Schwegler,Römische Geschichte, Bd. 1 S. 240).