Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Bis zur Abschaffung des Königtums

Aber der gewalttätige Amulius stieß seinen Bruder vom Thron,ermordete auch, um sich die Herrschaft zu sichern, dessen Sohn.Nur eine Tochter des Numitor, Rhea Silvia , war noch übrig. Da-mit sie nicht Söhne gebäre, Rächer ihres Geschlechts, weihte sieAmulius zur Priesterin der Vesta , und legte ihr hierdurch die Ver-pflichtung unverbrüchlicher Keuschheit auf. Doch der Ratschlußder Himmlischen durchkreuzte die Ratschläge menschlicher List.Die Vestalin begab sich eines Tages in den heiligen Hain des Mars,um reines Wasser zum Tempeldienst zu schöpfen. Durch denplötzlichen Anblick eines Wolfs geschreckt, floh sie in eine Höhle:hier erschien ihr der Gott, und zum Zeichen, daß kein menschlichesWesen der Jungfrau nahe, erlosch die Sonne, und Finsternis brei-tete sich über das Firmament. Die Jungfrau ward Mutter. Ver-gebens beteuerte die Unglückliche, von einem Gotte überwältigt zusein: Vesta selbst bedeckte ihr Antlitz, als ihre Dienerin gebar;der Altar der jungfräulichen Göttin erzitterte, und das heiligeFeuer verglimmte zu Asche. Amulius ließ die Mutter und dasZwillingspaar im Strome ertränken. Hier wandelte Silvia ihrsterbliches Wesen in Unsterblichkeit, indem der Flußgott, durchihr Unglück gerührt, sich ihr vermählte. Ein anderes war das Losihrer Söhne, das siegreich aus dem Strome erstand. Der Tiber-fluß war eben ausgetreten, und hatte die Umgegend über-schwemmt: die Mulde, in der die Kleinen lagen, trieb ans seichteUfer, wo sie sitzen blieb, als das Wasser sich verlief. Ein Feigen-baum am Fuße des Palatin, viele Jahrhunderte lang unter demNamen des ruminalischen Feigenbaums heilig gehalten, später auchmit dem ehernen Standbild der säugenden Wölfin geschmückt, be-zeichnete nachgeborenen Geschlechtern die Stätte, wo das Zwil-lingspaar gestrandet hatte. Eine Wölfin, die vom Gebirg herab-gekommen war, ihren Durst am Strome zu löschen, erbarmte sichder wimmernden Kindlein, trug sie in die nahe Höhle, leckte undsäugte sie; ein Specht und Kiebitz trugen Atzung herbei, undwehrten von den Neugeborenen das Geschmeiß. Zu diesem Schau-spiel der säugenden und leckenden Wölfin kamen einst Hirten: dieWölfin floh, und überließ die Kleinen menschlicher Zucht. Fau-stulus, Hirt der königlichen Herden, nahm sie zu sich, und sein