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Bis zur Abschaffung des Königtums
Siedlung waren die Brüder uneins: Romulus schlug den Palatin,Remus den Aventin vor. Sic beschlossen, die Entscheidung derGötter im Vogelflug einzuholen. In stiller Nacht, lange vorTagesanbruch wie der heilige Brauch es forderte — begaben siesich auf ihre Standorte: Romulus auf seinen Palatin, Remus aufden Aventin. Lange harrten sie in schweigender Erwartung,jeder mit seinem Anhang. Der Mond ging unter. Schon säumtedas neue Tageslicht den Himmelsrand. Da zeigten sich vonferne glückverkündende Vögel: sie kamen näher, und — ebenging die goldene Sonne auf, als ihrer Zwölfe in feierlichemFlügelschlag ;ivor Romulus vorüberrauschten. Romulus hattegesiegt; der Herrschaft Stuhl und Scepter hatten die Götterin seine Hand gegeben.
II.
Über die antiken Schriftsteller und deren Niederschriften,welche die älteste römische Geschichte betreffen, findet manausführliche Berichterstattung bei A. Schwegler , Römische Ge-schichte, Tübingen 1853, Erste Abteilung S. 73 ff. Hier sei nurauf die beiden wichtigsten Schriftsteller hingewiesen: den RömerTitus Livius, geboren in Patavium (Padua ) 60 v. Chr., gestorbenum 16 n. Chr. in Rom , und den Griechen Dionvsios von Halikar-nassus, geboren 63 v. Chr., nach Rom gekommen 29 v. Chr., dortbis um 8 v. Chr. geblieben und bald darauf gestorben. Die hier inBetracht kommenden Hauptwerke sind: Livius „Rerum Ro-manarum ab urbe condita libri“ und Dionysios „RomainikehArchaiologia“ (griechisch). Das Werk des Livius umfaßte742 Bücher, von denen uns 35 erhalten sind. Das Werk desDionysios umfaßte 20 Bücher, von welchen uns die ersten 9 voll-ständig erhalten sind, andere teilweise.
Es sei hier angemerkt, daß zuerst im 18. Jahrhundert wis-senschaftliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der antiken Dar-stellungen der römischen Geschichte für die Zeit vor 390 v. Chr.aufgetreten sind, und zwar in folgenden Arbeiten: De P o u i 11 v,Dissertation sur l’incertitude des quatre premiers siecles de