Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Sabiner und Römer

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Ansiedlungen dem Flußtal des Tiber entlang so weit vor, daß sienur noch zweihundert und vierzig Stadien vom tyrrhenischenMeere entfernt waren. Die vorgeschobenste ihrer Niederlassun-gen war diejenige auf dem nachmals sogenannten quirinalischenHügel. Das erobernde Vordringen der Sabiner in die unternTiberlande, ihre Niederlassung auf dem Ouirinal, ihre staatlicheVereinigung mit den Römern des Palatin diese Überlieferungender Sage sind so unzweifelhaft historische Tatsachen, als dies vonirgend einem anderen Ereignis der gleichzeitigen Völkergeschichtegesagt werden kann.

Von der Art und dem Kulturwesen der Sabiner wird in denZeugnissen des Altertums einheitlich berichtet. Der her-vorstechende Charakterzug der Sabiner war Frömmigkeit undSittenstrenge. Sie waren ein ernstes, unverdorbenes, genügsamesGebirgsvolk. In Sitten und Einrichtungen hatten sie sich, wie dieabgelegenen, vom großen Weltverkehr unberührten Gebirgsvölkerin der Regel, eine hohe Altertümlichkeit bewahrt. Cato machtdie Bemerkung, in seinen Sitten habe das römische Volk den Sa-binern nachgeschlagen: und dieses Urteil scheint nicht ohne Grundzu sein. Der sittliche Ernst, durch welchen das alte Römervolksich auszeichnete; seine Mäßigkeit und Genügsamkeit, seine Zuchtund häusliche Sitte, seine Heilighaltung der Ehe und des Eides,seine Gottesfurcht und religiöse Gewissenhaftigkeit, die Strengeseines Familienrechts, besonders hinsichtlich der Gewalt des Haus-vaters über Weib und Kind, der Geist des Gehorsams und der Un-terordnung unter die gesetzliche Autorität: kurz die moralischeTüchtigkeit der altrömischen Nation und die gesunde Blüte ihresFamilienlebens sind unstreitig ein sabinisches Erbteil. DerEinfluß, den die Sabiner auf den römischen Gottesdienst ausgeübthaben, scheint nicht unbedeutend gewesen zu sein. Es ist gewiß be-deutsam, daß der römische Mythus die Stiftung der politischenund militärischen Einrichtungen des römischen Staats auf den La-tiner Romulus, die Einrichtung des römischen Gottesdienstes aufden Sabiner Numa zurückführt. Es ist darin das Bewußtsein derNation ausgesprochen, daß ihr Gottesdienst überwiegend sabini-schen, ihre Verfassung überwiegend latinischen Ursprungs sei.

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