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Bis zur Abschaffung des Königtums
II.
Dieser von der Geschichtswissenschaft einheitlich als erdich-tet abgelehnten Überlieferung haben A. Niebuhr (röm. GeschichteS. 164) und A. Schwegler (röm. Geschichte Bd. I S. 23g ff.) eineDarstellung entgegengesetzt, welche in der Fassung von Schweglerfolgendermaßen lautet: „Der nach Menschengedenken ältesteWohnsitz der Sabiner war das obere Aternustal, die längliche,im Süden und Südwesten von den Armen des Velino, im Nordenund Osten vom Gran Sasso eingeschlossene Hochebene von Ami-ternum oder Aquila. Die Ortschaft, die sie hier von Alters be-wohnten, war Testrina, dessen Lage man noch heutzutage in denkolossalen Mauerresten erkennen will, die unweit der TrümmerAmiternums zu sehen sind. Nun darf man sich freilich nicht vor-stellen, als ob die zahlreichen, und nachmals über einen so großenTeil Italiens verbreiteten sabellischen Stämme sämtlich aus jenemeinzigen Dorfe, wie aus einem Keim, hervorgegangen wären:Testrina ist urspünglich nur als Wohnsitz derjenigen Sabinergedacht, welche die sogenannten Aboriginer aus der raetinischenHochebene verdrängten und gegen das westliche Meer hin fort-stießen: aber das ist unleugbar, daß sich die Sabiner von ihrenStammsitzen den Bergtälern des Apennin aus, erobernd nach allenHimmelsgegenden ausgebreitet haben. Ursprünglich ein Gebirgs-volk der oberen Abruzzen waren sie zur Zeit der beginnendenSamniterkriege das ausgebreiteste und größte Volk Italiens . Dassabinische Sprachgebiet umfaßte zur Zeit der Blüte des Stammeshalb Italien . Die Sabiner, die seit Alters in Testrina und Atniter-num ansässig gewesen waren, brachen von hier aus in die benach-barte Raetina ein, bemächtigten sich der Städte Lista und Cutilia,vertrieben die Bewohner der raetinischen Hochebene (die vonVarro und Dionysius sogenannten Aboriginer) und drängten siegegen die Tiberlande hin fort. Nachdem sie von dem raetinischenLande Besitz genommen hatten, setzten sie ihre Eroberungen inderselben Richtung fort, sandten Pflanzvölker in die untern Tiber-lande, gründeten hier zahlreiche Niederlassungen, unter denen be-sonders die Stadt Cures genannt wird, und schoben endlich ihre