Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Sabiner und Römer

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Man nahm sie zuvorkommend auf: doch während die arglosen Zu-schauer sich am Anblick der Kampfspiele weideten, sprengten aufein von Romulus gegebenes Zeichen die römischen Jünglinge aus-einander, und raubten die anwesenden Jungfrauen, wie der ZufallJede Jedem in die Hand gab. Bestürzt und den Bruch des Gast-rechts den Göttern klagend, flohen die Eltern; aber auch die Jung-frauen grollten, bis Zuspruch und Liebkosung sie allmählich aus-söhnten. Die beleidigten Völkerschaften sannen auf Rache undrüsteten sich zum Krieg. Aber statt die mächtige Hülfe dergleichfalls beleidigten und rüstenden Sabiner abzuwarten, brachendrei latinische Städte, Cänina, Crustumerium und Antemnae vor-zeitig, ja sogar jede vereinzelt los. Sie unterlagen eine nach derandern. Aber die Sabiner waren noch übrig; sie zogen unterihrem König Titus Tatius mit großer Heeresmacht wider Rom .Das Glück schien ihnen günstig: die Burg der Römer, die nörd-liche Kuppe des Capitolin, fiel durch List in ihre Gewalt. Tarpeja ,die Tochter des Burgvogts, hatte vom Gold der Feinde geblendetdie Festung verraten, und Bewaffnete hereingelassen. Am fol-genden Tag entbrannte der Kampf. In der höchsten Not erhobRomulus seine Hände gen Himmel, und gelobte dem fluchthem-menden Jupiter einen Tempel, wenn er das Schlachtglück diesesTages wende. Sein Gebet ward erhört. Metius Curtius, der sieg-reich die Römer vor sich hertrieb, wurde in den Sumpf des unternTals- er hieß von da an Lacus Curtius zurückgeworfen, undentrann mit Not. Unentschieden erneuerte sich die Schlacht inder Mitte des Tals, und ungewiß schwankte der Sieg, als ein un-erwartetes Schauspiel die Kämpfenden innehielt. Die geraubtenSabinerinnen warfen sich flehend, mit fliegenden Haaren und zer-rissenen Gewändern, ihre Säuglinge auf den Armen, zwischen dieSchlachtreihen. Die Schwerter senkten sich; man schloß Friedenund ewiges Bündnis. Beide Völker sollten einen Staat bilden; dieKönige beider, Romulus und Titus Tatius, Regierung und Heer-befehl gemeinsam führen ; das vereinigte Volk den Sabinern zuEhren Ouiriten heißen.

Neomario, Geschichte der Stadt Rom

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