80 Von der Abschaffung des Königtums bis 91 v. Chr.
genötigt war, sie in den Umkreis des neuen Tempels mit einzu-schließen. Man sah in diesem Wahrzeichen die göttliche Verhei-ßung, daß das römische Reich ewig jung bleiben, seine Grenzennie zurückweichen sollten. Ein anderes Wahrzeichen begab sich,als man den Grund des Tempels grub; man fand da ein Menschen-haupt, unversehrt und träufelnd von frischem warmen Blut. Überdie Bedeutung dieses Zeichens fragte man bei dem damals berühm-testen Seher der Etrusker, Olenus Calenus, an. Diesem warschon vorher geoffenbart worden, daß die Stätte, wo ein solchesHaupt gefunden würde, dazu bestimmt sei, das Haupt der Weltzu werden. Daher gedachte er, als die römischen Abgeordnetenvor ihm erschienen, durch List und zweideutige Fragen denSpruch des Schicksals seinem Volke zuzuwenden. Er zeichnetemit seinem Stabe den Umriß des tarpejischen Hügels in den Sand,und fragte die Gesandten: „also hier, ihr Römer , soll der TempelJupiters stehen? Hier ist das Haupt gefunden worden.“ Antwor-teten die Gesandten unbedacht mit Ja, so ging der Götterspruchauf Etrurien über. Allein sie waren vorher durch den Sohn desSehers gewarnt worden, und gaben zur Antwort: „nicht hier,sondern in Rom .“' So war die List des Etruskers vereitelt unddas Wahrzeichen für Rom gerettet. Es ward seitdem um diesesZeichens willen der Hügel, der vorher der tapejische geheißenhatte Capitolium genannt.
III.
Abgesehen von den Anklagen gegen Tarquinius und von demSchicksal der Lucretia bedarf aber weiter noch die Reihe derjeni-gen Tatsachen der geschichtskritischen Beleuchtung, aus denenunmittelbar sich die Abschaffung des Königtums und dessen Er-setzung durch die Republik zusammensetzt.
Nach der Lucretia-Sage setzt jene Tatsachenreihe ein auf demMarkt von Collatia, wohin die Leiche der Lucretia getragen wird,und von wo nach Schließung der Stadttore die junge Mannschaft,geführt von Brutus, unter Ergreifung der Waffen, nach Rom zieht.