Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Der Übergang zur Republik

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sind diese inneren weniger erörterten, mein erlebten Entwick-lungen politischer Tendenzen, mit welchen man die an für sichäußerst befremdliche, aber beglaubigte Geschichte vom furcht-baren Ende des Servius Tullius erklären muß. Dieses Geschehenist Beweis des gegen das Lebensende des Servius Tullius gesteiger-ten und schließlich gewaltsam zum Durchbruch gekommenen Un-willens, ja Hasses, der Patrizier gegen ihn.

Es ist gewiß, daß Servius Tullius von dem jüngeren Tarqui-nius (Superbus) mit Beihilfe der Patrizier vom Thron gestürztworden ist und in dieser Umwälzung sein Leben verloren hat.

Die römischen Schriftsteller haben Einzelheiten überliefert,welche hier in der Fassung wdedergegeben seien, welche, im ge-nauen Anschluß an die römische Tradition, Schwegler sie be-richtet.

Servius Ende war tragisch: mit Recht hat es Livius den tra-gischen Greueln griechischer Königshäuser zur Seite gestellt.Servius hatte seine zwei Töchter mit den zwei Söhnen des Tar-quinius Priscus, dem Lucius und Aruns Tarquinius, vermählt.Es traf sich, daß in beiden Paaren Gemüter von ungleicher Sin-nesart zusammenkamen. Die ältere Tullia die den Lucius Tar-quinius zum Gatten hatte, war sanft und fromm; die jüngere, dieGattin des Aruns, ein Weib von wildem, gewalttätigem, ruchlosemGemüt. Umgekehrt war Aruns ein stiller und anspruchsloserJüngling, Lucius dagegen stolz und herrschsüchtig und jederFreveltat fähig. Gleiche Gesinnung brachte die verwandten Ge-müter einander näher. Die wilde Tullia, über ihres Vaters lan-ges Leben, ihres Mannes Tatlosigkeit ergrimmt, w r andte sich demehrgeizigen, unternehmenden Lucius Tarquinius zu, und triebihn zu verbrecherischen Anschlägen. Bald hatten sich beide, überdie Leichen von Bruder und Sclnvester hinweg, die Hand zurEhe gereicht. Nun waren auch die Tage des alten Servius ge-zählt. Von der frevelhaften Tullia gespornt, die ihn täglich an-trieb, das Werk zu vollenden, damit ein Bruder- und Schwester-mord nicht umsonst verübt sei, tat Lucius Tarquinius endlich denletzten Schritt. Nachdem er unter den Patriziern, besonders de-nen der minderen Geschlechter, sich einen Anhang gebildet, undalle Vorbereitungen getroffen hatte, trat er eines 'Tages, im-