Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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102 Von der Abschaffung des Königtums bis 91 v. Chr.

Schrecken, die Betäubung und die regellose Flucht des römischenHeers. Die siegestrunkenen Horden ergossen sich in wilder Auf-lösung über das Schlachtfeld, plünderten die Gefallenen, schnittennach barbarischer Sitte ihrer Nation den Erschlagenen die Köpfeab, türmten Haufen von Waffen auf. Die Nacht brachten sie inviehischer Völlerei und Trunkenkeit zu. Am andern Tag er-schienen sie vor Rom . Da sie aber die Mauer öde, keine Bewaff -neten auf den Zinnen, keine Anstalten zur Gegenwehr sahen, ver-schoben sie, eine Kriegslist argwöhnend, den Angriff und schlu-gen zuwartend ein Lager zwischen der Stadt und dem Anio auf.An eine Verteidigung der wehrlosen Stadt war nicht zu denken.So beschloß man denn, die Stadt aufzugeben, nur Kapitol undBurg zu behaupten. Der Senat, die patrizische Jugend, die ausder Schlacht Entronnenen, die sich nach Rom geflüchtet hatten, im Ganzen wie es heißt, tausend Mann besetzten das Ka-pitol. Der vorhandene Mundvorrat, alle Schätze und Kostbar-keiten wurden hinaufgeschafft. Wer auf dem Kapitol keine Auf-nahme finden konnte, das niedere Volk, die Weiber, Kinder undGreise kurz der größte Teil der Bevölkerung verließ diewehrlose und aufgegebene Stadt. In langem Zuge wanderten dieFlüchtlinge, mit ihren Habseligkeiten beladen, über die sublicischeBrücke auf das Janiculum hinauf; von da zerstreuten sie sich indie Umgegend und die benachbarten Städte. Auch die Jung-frauen der Vesta begaben sich, unter dem Geleit des FlamenOuirinalis, auf die Flucht. Sie nahmen, was sie tragen konnten,von den unter ihrer Hut stehenden Heiligtümern mit: doch allezu flüchten war ihnen nicht möglich; daher vergruben sie, wassie nicht mitzunehmen im Stande waren, in irdene Gefäße ver-packt, unter dem Boden. Die Stätte, wo dies geschah, eine Ka-pelle bei der Wohnung des Flamen Quirinalis, unweit der CloacaMaxima, bekam hiervon ihren Namen. Es galt später als from-mer Brauch (religio), sie zu bespeien (Livius V. 40). Als dieJungfrauen flüchtend den Clivus des Janiculum hinanstiegen, zuFuß, die Heiligtümer ihrer Göttin im Arm, gewahrte sie L. Al-binius, ein Mann von der Gemeinde, der mitten unter den flüch-tenden Scharen Frau und Kinder auf einem Wagen fuhr. Er