Innerpolitische Geschichte 135
der das ganze Collegium beherrschte und in Banden hielt: AppiusClaudius .
Kurze Zeit schien es, als werde die Gewaltherrschaft derneuen Dezemvirn Bestand haben. Aber die Dezemvirn untergru-ben ihre Machtstellung durch eine Reihe von verbrecherischenTaten. Unter diesen war der Meuchelmord an einem ergrautenKriegsveteran, L. Siccius Dentatus, welcher im Jahr 454 Volks-tribun gewesen war und jetzt den Aufstand gegen die Dezemvirnzu entfachen drohte, der erste Anlaß zu allgemeiner Erbitterung.Als dazu ein zweiter, noch schwererer Fall, der Frevel des AppiusClaudius gegen die Virginia trat, brach sich die Empörung derPlebejer Bahn durch einen Aufstand gleich demjenigen von 494,mit einer zweiten Auswanderung auf den Heiligen Berg. Es warim Sommer des Jahres 449.
Über den Fall der Virginia wird von den römischen Schrift-stellern übereinstimmend folgendermaßen berichtet:
Appius Claudius hatte seine Blicke auf ein sehr junges undsehr schönes Mädchen geworfen, die Tochter des Plebejers L. Vir-ginius, eines geachteten Mannes, der damals als Hauptmann beidem Heere auf dem BergeAlgidus gegen Aequr und Sabiner stand.Der Verlobte der Virginia , Jcilius, war mehrmals Tribun gewe-sen, und hatte sich besonders durch die von ihm rogierte „Lex deAventino publicando“ einen Namen gemacht.*) Appius versuchte
*) Der Aventinische Berg hatte seit alters eine besondere Bedeutungfür die Plebs. Er wurde in das Pomoerium, das heißt in das rechtlich undreligiös befriedete, durch cippi abgesteinte, geheiligte Stadtgebiet, weder beider Romulischen Gründung noch bei der Servianischen Erweiterung des Po-noerium eingeschiossen (wohl in die Servianisciie Mauer). Er besaß zu jenenZeiten in seinen steilen Felsabhängen (welche später zunächst abgeschrofft,dann abgeebnet wurden) eine starke natürliche Befestigung. Erst spät wurdeer von der Stadt her durch eine Fahrstraße (Clivus Publicus) zugänglich,welche etwa quer über die heutige kurze Via dei Fienili führte. Vorher gabes einen breiteren Zuweg zur Höhe des Aventium nur vom Flußufer her.Der Berg hatte eine Burg (arx), welche als Hort der Plebejer galt. Bis zumJahre 456 v. Chr. war der größtenteils mit Lorbeern bewaldete Grund undBoden des Berges Staatsland, an welchem Piivateigentum nicht möglich war.ln einer Anzahl mehrstöckiger Häuser wohnten Plebejer. Die Stockwerk-wohnungen waren vergönnungsweise gegen Zins armen Plebejern überlassen.