Innerpolitische Geschichte
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sei bereits gefällt. Jcilius aber wich nicht, und richtete flam-mende Worte, die Zorn und Schmerz ihm eingaben, an Appius unddie Umstehenden. Seine Rede machte Eindruck; ein Kreis muti-ger Verteidiger schloß sich um die Jungfrau, und es war jetzt nichtmehr möglich, sie mit Gewalt wegzuschleppen. Beim Anblick derempörten Menge hielt es Appius, der hierauf nicht gefaßt war,für Tätlicher, jetzt nachzugeben, und seinen Ausspruch zu verta-gen. Morgen dagegen werde er, Virginius möge sich stellen odernicht, seinen Spruch tun und ihn furchtlos zu behaupten wissen.Also auf den folgenden Tag sollte die Freveltat verschoben sein.Kaum sahen dies die Verteidiger des Mädchens, als sie auf dieSeite traten und rasch die nötigen Vorkehrungen trafen. DesJcilius Bruder und des Numitorius’ Sohn, zwei rüstige Jünglinge,flogen auf gespornten Rossen ins Feldlager auf dem Algidus undriefen den Vater der Virginia eilends herbei. Inzwischen hieltJcilius, um die Boten einigen Vorsprung gewinnen zu lassen, aieGerichtssitzung hin durch zögernde Verabredung der Bürgschaft,obwohl das Volk rings umher die Hände emporhob, und jeder sichzum Bürgen anbot. Die Bürgschaft wurde gestellt, Virginia denIhrigen zurückgegeben. Ohne den Kläger ausreden zu lassen,ohne dem Virginius Zeit zur Gegenrede zu gönnen, sprach Appiusden vorläufigen Besitz der Jungfram seinem Klienten zu. DasUnbegreifliche dieser Entscheidung erfüllte anfangs die Umste-henden mit starrem Staunen; es erfolgte eine tiefe Stille. Alsaber der Klient auf die Jungfrau zutrat, sich ihrer zu bemächti-gen, erhoben die Frauen ein Jammergeschrei, und die Männerstießen ihn unter Verwünschungen zurück. Der Dezemvir schaltdas Empörung: er wisse wohl, daß die ganze Nacht über Zusam-menrottungen stattgefunden hätten, daß ein Aufruhr im Werke sei.Dem zu begegnen seien die Bewaffneten da, unter deren Schutz ersein Recht zu behaupten und dem Gesetze Achtung zu verschaffenwissen werde. „Dorthin, Liktor, schlag den Haufen auseinander,und schaffe Platz, daß der Eigentümer seine Sklavin ergreifenkann“. Schüchtern trat die Menge auseinander, und das Opferstand verlassen da, der Mißhandlung zum Raube. Da bat Virgi-nius um eine letzte Gunst: daß ihm verstattet werde, seine Tochter