Innerpolitische Geschichte
169
Wie die Senatspartei gegen den Ansturm des Tiberius Grac-chus ihre Herrschaft um den Preis moralischer und politischerReputation gerettet hatte, so war es auch gegenüber dem weitstärkeren Angriff des Ga jus Gracchus der Fall. Keine von beidenParteien hatte gesiegt. Es waren keine Wunden geheilt, sondernalte Wunden aufgerissen worden, vor allem aber hatte sich die Un-heilbarkeit des Zwiespaltes ergeben.
In den nächsten 30 Jahren brachen, bevor es zu der Katastro-phe von 91 kam, noch zweimal Bewegungen aus, welche auf derLinie der Ereignisse 133—121 lagen und in gleicher Weise mitdem Unterschiede ausliefen, daß der äußerliche Erfolg noch ent-schiedener auf der Seite der Senatspartei war, während die innereHaltlosigkeit dieser Partei ebenso wie diejenige der Volksparteidurch die nunmehr endlich hereinbrechende Grundkatastrophe als-bald vollends offenbart wurde.
Die erste dieser Bewegungen knüpft sich an die Namen derPopularführer C. Servilius Glaucia und L. Apulejus Saturninusund endete am 10. Dezember 100 durch die von Marius gewonneneSchlacht auf dem römischen Forum, über welche bereits berichtetist. Der Sieger Marius unterlag und entwich nach dem Osten.
Die zweite der bezeichneten Bewegungen bestand in einemVermittlungsversuch, welchen im Jahre 91 der Volkstribun M. Li-vius Drusus unternahm. Er wollte die Strafgerichtsbarkeit demSenat zurückgeben, den Senat aber um 300 neue Mitglieder ausdem Ritterstande vermehren. Zugleich sollte dem Bestechungs-wesen gesteuert und durch ein Getreide- und Ackergesetz derVolksmasse geholfen werden. Livius setzte die Annahme seinerGesetzesvorschläge durch. Der Senat aber erklärte die Gesetzes-beschlüsse für ungültig. Nunmehr beantragte Livius , daß allenitalischen Bundesgenossen das Bürgerrecht erteilt werde. DerHauptgegner des Livius war der Konsul L. Marcius Philippus.Es heißt, daß Livius ihn mit Anwendung von Gewalt ins Gefäng-nis führen ließ. I.ivius wurde aber an Weiterem durch einen tötli-chen Messerstich gehindert, welcher ihn in dem Augenblick traf,als er von einer großen Menschenmenge begleitet an seinem Hausedie Begleiter zu entlassen sich anschickte.