Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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374 Die Stande und das Volk. Stadtbild und Stadtleben

Auf dem Rücken des Viminalischen Hügels läuft eine Haupt-straße; Vicus collis Viminalis, von ähnlichem Charakter. An dersüdlichen Spitze des Hügels liegen größere Vici, mit den charak-teristischen NamenDie zehn Kneipen (Decem Tabernae) undDie weißen Hühner (Gallinae Albae). Wir sind im Zentrum desKleinlebens der Weltstadt, das zugleich der Gipfel des großstädti-schen Wohnungselends ist, in vielstöckigen engen Holzbauten,in einem atembenehmdem System von engen Gassen, Winkeln,Vici, welche auf die Hauptstrasse münden. In den Gassen istdas Gedränge der Menschen, Karren, Maultiere, das Geschreider Ausrufer, hadernder Parteien, plärrender Verkäufer, sind dieGerüche von Garküchen, Geflügelständen, Straßenunrat so gestei-gert, daß wir froh sind, am unteren Ende des Vicus Longus an-gelangt, dort wo heute der Platz Magnanapoli liegt, im Winkelnach Nordosten umkehren zu können und durch die Porta San-

Maultieren, Mauleseln, Eseln, mit mehr oder weniger Geschrei und sonstigemLärm, anboten. Groteske Reklame fehlte dabei nicht. Farbige und schwarzeSklaven, Zwerge und Riesen, Bucklige und Krüppel fanden Verwertung.Fliegende Verkaufsstände waren durch die ganze Stadt und vor den Torenverbreitet. Eine andere Art des Straßenverkaufs war es, daß die auf und ander Straße arbeitenden Handwerker ihre Arbeitserzeugnisse an der Arbeits-stelle selbst ausboten und verkauften. Reklameschilder und Ausstellungder verkäuflichen Gegenstände vor den Häusern waren an der Tagesordnung.Schaufenster und entsprechendefetalage gab es schlechterdings nicht. Dieauf bestimmten Straßen und Plätzen, auch in öffentlichen Gebäuden ausge-sparten Verkaufsstellen für Spezialitäten boten Ersatz. So die Spezialisierungvon Juwelierwaren auf der Via Sacra, von Schriftwerken und Büchern imArgiletum, von Bildhauererzeugnissen am Circus Agonalis . Am ehestenkönnte man vielleicht von Läden sprechen in solchen Fällen, wie den jüngstausgegrabenenbotteghe des Trajanforums (abgebildet in der ZeitschriftCapitolium, ed. Bestetti E Tumminelle, Roma, Juni, 1930). Ergänzend tra-ten die allgemeinen öffentlichen Märkte (fora venalia) und besonders dieSpezialmärkte wie forum holitorium (olitorium) für Gemüse, piscatorium fürFische, vinarium für Wein usw. hinzu. Endlich sind die großen Markthallen, welchezugleich Warenhäuser waren und welche auch die orientalischen Bazare ver-traten von der größten Wichtigkeit: das Maceilum Liviae des Augustus beider Porta Esquilina und das Maceilum Magnum des Nero bei der PortaCapena, beide mehrstöckig und mit zahlreichen angebauten Tabernen. DieseErscheinungen müssen auch in die Schilderung eingestellt werden, welcherunser Text hinsichtlich des Straßenlebens der esquilinisch-quirinalischenStadt zu geben unternommen hat.