Zehntes Buch.
Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit.
i.
nsere Darstellung hat bisher nicht Gelegenheit genom-men, sich der Frage nach dem allgemeinen geistigenund religiösen Leben in der Stadt Rom zuzuwenden,abgesehen von den ältesten religiösen Beziehungender Römer zu den Etrurern und den Sabinern, sowie von denStaatsgöttern, Priestern, Opfern und Tempeln als äußeren Ein-richtungen.
Wir haben es vorgezogen, den ganzen Komplet dieser Be-ziehungen bis zu dem nunmehr erreichten Punkt unserer Dar-stellung hinauszuschieben, welcher uns gestattet die Kaiserzeiteinzuschließen und zwar bis zum Jahr 235.
Wenn wir diesem Abschnitt unserer Darstellung (X. Buch)eine Überschrift geben, welche in der Geschichtsliteratur nichtsanktioniert ist, so hoffen wir, daß die nachfolgende Darstellungdeutlich genug den Sinn erkennen läßt. Wir hoffen ferner, daßwir damit nichts in die römische Geschichte hineintragen,sondern einer Seite der römischen Kultur gerecht werden, welchewert ist, geschichtlich stärker hervorgehoben zu werden, als esherkömmlich ist.
Wir fassen zunächst die Zeit bis Nero einschließlich insAuge, ln dieser Zeit bereitete sich die Bewegung, welchewir als diejenige der freien und sittlichen Geistigkeit bezeichnen,still vor, ohne sich schon zu zeigen. Diese Geistigkeit besaß we-der Augustus persönlich, noch gehörte sie seiner Zeit an. Esgab zwar gute Poesie und populäre Philosophie. Die Rhetorikblühte. Die Geschichtsschreibung war durch'Titus Livius (59vor bis 17 n. Chr.) und Sallustius (ca. 87 v. bis 35 v. Chr.) ver-