Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit 385
treten. Aber die Poesie versiegte bereits zu Lebzeiten des Au-gustus. Die Rhetorik verflachte. Der Satiriker Annaeus Per-sius (34 bis 62 n. Chr.) und der Epiker Annaeus Lucanus (39bis 65 n. Chr.) waren keine Blüten gesunder Geistigkeit. DerFreigelassene des Augustus, Phaedrus , stand außerhalb des Zu-sammenhanges der Zeit. Die Kaiser Claudius und Nero hattenschwächliche Anwandlungen eines eitlen Dilettantismus. Cali-gula hatte Lust gehabt, die. Werke des Homer, des Vergilius unddes Livius zu vernichten, wie er auch die Rechtswissenschaft zuerdrosseln verhieß. Claudius trieb unter dem Namen des Hi-storikers antiquarische Liebhabereien. Nero versammelte Phi-losophen, Rhetoren, Poeten um sich. Er dichtete, sang, undnahm an den griechischen Wettspielen teil.
Aber in der Stille hatte sich daneben eine neue Entwicklungvorbereitet.
Griechische Lebensphilosophie in Gestalt des Stoicismushatte überall in Italien Verbreitung gefunden, bedeutenden inne-ren Einfluß gewonnen und insbesondere in Rom Fuß gefaßt.Der ältere Seneca (gest. 39 n. Chr.), der Dichter Statius (45 bis96 n. Chr.), der reformatorische Rhetor Quintilianus (35 bis95 n. Chr.), die Satiriker Martialis (46 bis 102) und Juvenalis(60 bis 140 n. Chr.) gingen selbständige Wege, vertraten neueLebensanschauungen und gewannen damit unter den flavischenKaisern Raum und Leben.
Vor allem aber hatte sich die Rechtswissenschaft entwickelt.
Die Persönlichkeiten welche als Vertreter neuer freier undsittlicher Geistigkeit in dem nunmehr folgenden Zeitabschnitt(bis gegen 235) am meisten hervorragen, sind:
die Schriftsteller L. Annaeus Seneca (4 v. Chr. — 65n. Chr.), C. Plinius Caecilius Secundus (der ältere Plinius,23—79 n. Chr.), L. Plinius Caecilius Secundus (der jüngerePlinius, 62—113 n. Chr.), Cornelius Tacitus (55—119 n. Chr.),
die Kaiser Antonius Pius (geb. 86 v. Chr., reg. 138—161)und Marcus Aurelius (geb. 121 n. Chr., reg. 161—180),
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