Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
Seite
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit 389

Ihre zwischen dem jus aequum und jus strictum vermittelndeglänzende Technik derRechtskonstruktion hat auch die nach-römische Entwicklung des römischen Rechtes ermöglicht.

Erst die unhistorische und dilettantische Mechanisierung desrömischen Rechtes, welche dem 18. und 19. Jahrhundert Vorbe-halten war, hat den lebendigen Born verschüttet, aus welchem diegroßen Römer und deren freigeistig sittlich orientierte juristi-schen Erben das Recht schöpften.

III.

Was die Schriftsteller (Seneca, Tacitus , Plinius Major, Pli-nius Minor) angeht, so sind sie in persönlicher Individualität soverschieden voneinander wie möglich. Seneca , der Politikerund führende Staatsmann, dazu Philosoph, von spanischer Her-kunft, Tacitus , der durch und durch römische freigeistige undpsychologisch gerichtete Geschichtschreiber, Plinius der ÄlterePolyhistor (aetatis suae doctissimus), und vielbeschäftigterStaatsbeamter, Plinius der Jüngere Konsul, berühmter Sach-walter, dann wieder Provinzialstatthalter, viel gereister Huma-nist und Lebenskünstler, gleichen sich kaum in irgendeiner per-sönlichen Eigenschaft. Unverkennbar verbunden aber sind sie inder Einstellung auf den besonderen Charakter des Zeitalters, denwir als freie sittliche Geistigkeit bezeichnen. Dazu ist zu bemer-ken, daß ihre überragende Geistigkeit von niemandem bestrittenwird, während sie im Übrigen verschieden beurteilt werden. Wieman im Einzelnen urteilen mag, spielt aber keine Rollehinsichtlich des Vorhandenseins freier sittlicher Geistigkeit alsGrundauffassung. Letzteres ist nicht durch persönliches Denkenund Verhalten bestimmt, sondern durch das Obwalten des kate-gorischen Imperativs in der Idee.

Es sei übrigens hervorgehoben, daß weder im Altertum nochspäter einem dieser bedeutenden vier Männer der Ruf äußersterEhrlichkeit, Gerechtigkeitsliebe, Ernsthaftigkeit, Wahrhaftigkeitund sittlicher Reinheit streitig gemacht worden ist. Auch er-weist sich gerade in diesen Zeiten geistig-religöser Spannungdie Verschiedenheit in der Beurteilung des Wertes der einzelnen