Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit

grund gehauen; dahinter liegt noch immer etwas Undargestelltes,Unausgedrücktes, und was man sieht, scheint sich wieder in neuewunderliche Bildungen zu vrziehen, Man muß gestehen, daß sichnicht eine historische Figur aufweisen läßt, welche so Wunder-bares und Wunderliches in sich faßte, als die des Hadrian undsie kann auch nur als ein Erzeugnis ihrer merkwürdigen Zeit be-griffen werden, die eine Mitte und ein Übergang ist von der altenWelt zur neuen, vom Heidentum zum Christentum, Mittelalterschon und ein historisches Chaos, worin die Elemente des Geistes,die Philosophien, die Religionen, die Kunststile ineinandergeflos-sen sind, und worüber ein anderer Eros, als der des Hesiod , ge-staltendbrütend schwebt. Hadrian ist Grieche in seinem poeti-schen und wissenschaftlichen Neigungen und in seinem Kunst-enthusiasmus, er ist sophistisch wie ein Jonier, mittelaltrigerGermane in seiner Jagdlust, seinem ritterlich ruhelosen Umher-streifen in der ganzen Welt, er ist Nekromant, Geisterseher,Astrolog, kurz ein Magier, alles glaubend, weil nichts glaubendin seiner Ironie, Heidenfreund und Christenfreund, Barbar inder Liebe, wieder mäßig und ein Stoiker, und bei all dem echterRömer in seinem sichern Takt, seinem praktisch-energischen Han-deln und seiner Staatsmaxime. Er trägt das geheimnisvolle Ge-sicht eines ernsten rätselvollen Weisen, dem Welt- und Menschen-kenntnis tiefe Linien eingemeißelt haben, und als sollte ihm auchdas äußere Symbol solcher mysteriösen Natur nicht fehlen, ließer der erste Kaiser, der das tat den Bart sich lang herab-wachsen; doch ist es wieder das schalkige und lauernde Lächelneines Satyr, welches über dasselbe Gesicht zuckt. Wie es beijedem großartigen Charakter der Fall zu sein pflegt, hat sich inihm eine Welt von Gegensätzen und Widersprüchen vertragen.

Hadrian hatte nicht die natürliche Sanftmut der Antonine,wenn ihm auch Anmut und Grazie des Benehmens nicht abging.Er war vielmehr ein feuriger und leidenschaftlicher Geist, hierund dorthin gezerit durch seine widerstreitenden Empfindungen;aber er war so stark, daß er an seinen Widerspüchen nicht zu-grunde ging. Er verstand die Kunst, sich selbst zu erhalten, ohnegerade ein solcher Schauspieler zu sein, wie August es war, wenn