Teil eines Werkes 
1 (1931) Von der ältesten Zeit bis auf Kaiser Konstantin
Entstehung
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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit 403

er auch vor Volk und Senat heucheln mochte und seine Fehlerund Leidenschaften zu verhüllen sich bemühte. Er war gegenWelt und Menschen und gegen sich selbst mit einer Ironie ge-waffuet, die ihn ebenso wie seine ganze stoische Zeit aufrechthielt, und sein unbesiegbarer Witz war stets schlagfertig undtraf das Große wie das Kleine, die Hoheit des Trajan , die erherabzog, wie den Dünkel des Gelehrten, mit denen er auf demKatheder in Alexandria disputierte. Wir müssen diesen Kaiserbegleiten, wie er mäßig, weise, uneigennützig, überall gegenwär-tig, alles mit klarem Blick erkennend, stets das Richtige treffend,ordnend, bindend, zusammenhaltend, selbst für späte Zeitennoch gesetzgebend, ein Kriegsfürst ohne Kriege, Soldat wie dererste beste Legionär und eines jeden Untertans Beschäftigungerfassend, Fürst und Minister und Philosoph, wie er da sein Reichdurchwandert, so müssen wie ihn begleiten, um ihn zu bewun-dern. Auf diesen Reisen zeigt sich Hadrian ganz in seinem ei-gentümlichen Lichte wißbegierig, neugierig, sorgsam vomGrößten bis zum Kleinsten herab, durchstreift er die Welt. VonBritannien bis nach Arabien und Kappadocien ist keine Provinz,die er nicht besuchte, wo er nicht Heerwesen und Verwaltung,religiöse und bürgerliche Institute und Kunstdenkmäler in Au-genschein nahm, und, wie mit einem Zauberstabe die Länderberührend, seine großartigen Bauten sich erheben ließ und Städteund Provinzen mit Wohltaten überhäufte.

Dio Cassius (geb. 155) veranschaulicht die Reisen des Kai-sers folgendermaßen:Hadrian reiste aus einer Provinz in dieandere, nahm die Gegenden und Städte in Augenschein, besah dieBurgen und Mauern, von denen er diese in ein passenderes Ter-rain versetzte, jene abbrach, andere baute. Überhaupt richteteer seine Aufmerksamkeit nicht nur auf das Heerwesen im allge-meinen, auf die Waffen, Maschinen, Gräben, Mauern, Wälle, son-dern speziell auf die Lebensverhältnisse, Postierungen und denCharakter jedes einzelnen der Soldaten und Befehlshaber. Garsehr verbesserte er die durch Weichlichkeit entarteten Sitten. Erübte die Soldaten in allerhand Kampfart, hier lobend, dort ta-delnd; alle lehrte er ihre Pflicht tun, und damit sie aus seinem

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