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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit
Vorbilde Nutzen zögen, hielt er sich an eine strenge Lebensart,zu Fuß oder zu Pferde. Niemals bestieg er ein Fahrzeug odereinen vierrädrigen Wagen, sein Haupt war unbedeckt, gleichvielob Frost oder Hitze war, ob celtischer Reif oder der Sonnen-brand Ägyptens ihn belästigte.
Es ist hier nicht der Ort, im Einzelnen die ungeheuren Ver-dienste Hadrians um die Provinzen, auch nicht diejenigen umdas Reich als solches, die Einschränkung und Sicherung derReichsgrenzen, die Organisation der Reichsverwaltung, die Re-form des Rechtswesens, die Verbesserung der Soldatendisziplin,die Vervollkommnung der Wege und Wasserstraßen, zu beschrei-ben. Es kommt uns hier nur an auf Hadrians Bedeutung fürdie Stadt Rom und für die Entwicklung der sittlichen Geistigkeitin Rom . In dieser Hinsicht erscheint die Charakterisierungzutreffend, welche A. v. Reumont folgendermaßen zeichnet:„Hadrian war eine so eigentümliche wie begabte Natur. Seinesorgfältige Erziehung hatte seine glänzenden Anlagen zu vollerGeltung gebracht. Er drang in den Geist der Athener ein derenSprache ihm nicht nur geläufig war, sondern mit deren Geistes-gaben und Talenten er wetteiferte. Zugleich Gelehrter und Dich-ter machte er Verse und trieb Rechtskunde und Antiquitäten. Erwar erfahren im Singen und Spielen, in Mathematik und Arznei-kunde, in Geometrie und Astrologie, in Malerei und Bildhauer-Kunst. Sein Gedächtnis war außerordentlich wie seine Vielseitig-keit, seine Fertigkeit in der Rede durch scharfen Witz unter-stützt. Er war ein schöner Mann, geübt im Fechten, Reiten,Jagen, kräftig und unermüdlich. Seine Regierung war die Ver-wirklichung der Projekte und Velleitäten, welche diese Vielsei-tigkeiten gebären mußte. Sein Leben, sagt ein moderner Histo-riker, war eine Reise durchs Land aller Völker, aller Meister-werke, aller Erinnerungen zu einer Zeit wo alle Völker ein Volkbildeten, alle Meisterwerke unversehrt waren, die antike Kulturin ihrem vollen Glanze strahlte.
Derselbe Schriftsteller sagt aber auch: „Sein Eifer für dieKunst ward durch eitlen Dilettantismus auf Abwege geführt, sein