Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit
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Urteil in Geschmackssachen durch Bizarrerie beirrt und somitsein Einfluß auf die Literatur nachteilig."
Hadrian starb am io. Juli 138 in Bajae, wohin er sich vonRom (Tibur) aus begeben hatte, um dort zu sterben. Dorthinhatte er auch seinen Nachfolger Antoninus kommen lassen, indessen Beisein er starb. Die Leiche ward in Ciceros Villa zuPuteoli verbrannt. Die Asche brachte Antonin nach Rom undstellte sie in den Gärten der Domitia aus. Im hadrianischenMausoleum ward sie beigesetzt.
VII.
Indem wir einen Einblick in die feinere, innerlichere undethische Entwicklung der Geistigkeit in Rom von Augustus bisgegen das Jahr 235 zu gewinnen versuchten, mußten wir auch dasVerhältnis der Kaiser zu dieser Entwicklung prüfen. Dabei fan-den wir nicht, daß jenes Verhältnis der Entwicklung der neuenfreien und sittlichen Geistigkeit besonders förderlich gewordenist. Die dilettierenden literarischen Protektoren Augustus , Nero,Hadrian haben in dieser Richtung eher nachteilig als förderlichgewirkt, während Vespasian, Nerva, Trajan, Antoninus Pius ,Marc Aurel vermöge ihrer Hingabe durch ihre eigeneBildung die allgemeine sittliche Geistigkeit mehr selbst vertreten,als bei anderen bewirkt haben.
Es hat auch nach Trajan Kaiser gegeben, welche man als„gute Kaiser“ nennt: Pertinax, Septimius Severus, AlexanderSeverus, Aurelianus, Probus . Dies im einzelnen darzulegenwürde uns zu weit führen. Anstatt dessen wollen wir in großenZügen die äußere und innere Geschichte dieses Zeitraums über-fliegen.
Eine allgemeine Bemerkung schicken wir voraus. Sie giltder Beobachtung, daß die einmal in einem Zeitalter zur Wirk-lichkeit gewordene Geistigkeit, welche von Sittlichkeit getragenwird, allerdings geschichtlich nicht unzerstörbar ist, aber, tief imInnern wirkend, auch zeitlich eine unerhörte Dauerkraft besitzt.Sie kann sich erhalten und hat sich in Rom lange erhalten, ob-wohl sie unsichtbar wurde, trotz zeitweiscr Herrschaft uner-