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Sittliche Geistigkeit in der Kaiserzeit
hörter Tyrannenwut, wahnwitziger Ausschweifung, unverständ-licher Geschmacklosigkeit und finsteren Aberglaubens, wie sie im3. Jahrhundert v. Chr. zeitweise alles zu zerstören drohten. Wiegewisse tropische Prärien in Afrika und Südamerika durch jahre-lange Regenlosigkeit anscheinend verdorrt, durch die Zauberkraftendlich herabgießender Regenmassen rasch in fruchtbare Triftenumgewandelt werden, so erlebte man in Rom es mit den sogenann-ten guten Kaisern.
. Commodus konnte in zwölf Regierungsjahren (180—192)nicht soviel zerstören, daß nicht im Jahre 193 der treffliche Hel-vetius Pertinax und dann Septimius Severus (193—211) auf denThron gesetzt werden konnte.
Ebenso konnte nach dem scheußlichen Regimentdes Caracalla (2x1—217) und nach dessen schändlichem orien-talischen Nachfolger Elagabal (218—222) Alexander Severus (222—235) Kaiser werden, jener, wie J. Burckhardt ihn nennt,„in seiner Gesamtumgebung unbegreifliche Mensch“ ein „wahrerSankt Ludwig des Altertums“ von dem Bestreben geleitet „vonden ausgearteten Mißformen des Militärdespotismus wieder in dieBahn der Gerechtigkeit und der Milde einzulenken“.
Aber die Rückfälle in Tyrannei und Barbarei häuften undverstärkten sich. Das Reich wurde untergraben obgleich esschwelgte. Ein Ruck konnte es zum Zerfallen bringen.
Es gab dazwischen rauschende Feste. Philippus Arabs (244—249) ließ das tausendste Jahre der Stadt durch Feste fei-ern, welche vom Palilientag (Roms Gründungstag, 21. April) desJahres 247 bis zu demselben Tag des Jahres 248 dauerten. 2000Gladiatoren die er geerbt hatte kämpften dabei und zahllose Tierewurden geopfert. 30 Jahre später feierte Kaiser Probus(276—282) einen Triumph, bei dem er die Arena in einen Waldverwandelte und dem Volk 1000 Strauße, ebensoviele Hirsche,Eber usw. zum besten gab. Es kam die Zeit, welche man die-jenige der dreißig Tyrannen nennt, d. h. jenen Zustand, in wel-chem etwa diese Zahl von selbständigen Landesgebieten ent-standen war indem die in den Provinzen stehenden Legionen ihre