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Es muß demnach auf anderem Wege als demjenigen histo-riografischer Quellen versucht werden, die Grundzüge des Ge-samtverhältnisses zu erkennen.
In der Tat ergibt die gesamte historische Betrachtung in po-sitiver Weise, daß Roms Kulturbedürfnis erst nach Ablauf einesweiteren Jahrhunderts, das heißt erst nach dem Ende der Puni-schen Kriege reif für die Erfüllung von Wünschen war, die inder Stadt Rom von römischen Philhellenen nachweislich seit272 v. Chr. gehegt wurden und welche auf die Rezeption grie-chischer Kultur, oder wie andere es ausdrücken, eine „Helleni-sierung Roms“ gerichtet waren.
Kapitel 111.
as Jahr 272 v. Chr. brachte nach Rom den Grie-chen Andronikos, welcher dort der erste d. h. frü-heste römische Schriftsteller wurde. Er war beider Eroberung seiner Vaterstadt Tarent gefangenund zum Sklaven gemacht worden. Er wurde einem Li-vius zugeeignet, dem spätem Konsul (219 und 207 v. Chr.)und Feldherrn Marcus Livius Salinator, der der Sieger derSchlacht von Sena Gallica (207 v. Chr.) wurde. Andronikoswurde später freigelassen und erhielt den Namen seines Herrn(„Livius Andronikos“). Er schrieb lateinisch eine Anzahl vonTragödien und Komödien und eine lateinische Übersetzung derOdyssee im saturnischen Maß. Als Sklave von dem Schauspieler-und Textschreibergewerbe ausgegangen, wurde er später Sprach-lehrer im Griechischen und im Lateinischen, zunächst für die Kin-der seines Herrn, dann auch für zahlreiche andere Knaben. Durchdie Förderung seines Herrn ward ihm solches Ansehen vermittelt,daß ihm nach der Schlacht bei Sena Gallica (in welcher Hasdrubal fiel, Hannibal besiegt und tatsächlich Roms Herrschaft ge-rettet wurde), den Auftrag erhielt, das offizielle vaterlän-
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