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Die Begräbnis- und Kulturstätten der Katakomben warenkeine Besonderheit der Christen. Heidnische und jüdische Sek-ten hatten an dem unterirdischen Rom nicht nur ihren Anteil,sondern sie hatten die Priorität.*) In den Gladiatorenkämpfenund Tierhetzen wurde die Zuschauermenge auf die Beteiligungchristlicher Opfer im allgemeinen während des ersten Jahrhun-derts nicht aufmerksam, schon weil man die Juden und andere„östliche Leute“ nicht unterschied. Wenn, wie im Fall des Bi-schofs Ignatius von Antiochia (107) es anders war, so wird daszu der christlichen Propaganda beigetragen haben. Aber dieGleichgültigkeit der großen Menge, ebenso wie die der geistigenund gesellschaftlichen Oberschicht, gegenüber der in diesen Mar-tyrien sich manifestierenden religiösen Weltbewegung wirddurch den gesamten Verlauf nur bestätigt. Daß die Nero-nianische Verfolgung der Christen, welcher nach überwiegen-der Geschichts- und Glaubensansicht die Apostel Petrus und Pau-lus **) zum Opfer gefallen sind, in der Öffentlichkeit ebensowenig Eindruck machte, wie die Vorgänge unter Domitian , wirddurch das Fehlen von Nachrichten bei den Profanschriftstellernüber alles Wesentliche bewiesen und durch die Dürftigkeit derkirchlichen Überlieferung bestärkt.
Den Katakomben***), welche die Christen als Begräbnis-und Kultusstätten, in gewissem Maße auch als Wohnstätten be-nutzten, wohnt eine Bedeutung bei, welcher wir durch Wieder-gabe folgender Darlegung Anton de Waals entsprechen möchten.
*) Die 1916 entdeckte unterirdische Basilika bei der Porta Maggiore ist die interessanteste, aber auch die einzige heidnische Katakombe. Jüdi-sche Katakomben, in die republikanische Zeit zurückreichend, in großer Aus-dehnung, befinden sich an der Porta Portese, an der Via Appia , an der ViaLabicana (vigna Appolonia) an der Via Nomentana (Villa Torlonia).
**) Nach überwiegender Annahme haben die beiden Apostel den Märty-rertod im Sommer 67 erlitten. Wenn diese Annahme zutrifft, so ist KaiserNero zur Zeit des Todes in Rom nicht anwesend gewesen, denn er ist vorEnde 66 nach Achaja gegangen und erst Ende 67 nach Rom zurückgekehrt.
***) Der Name „Katakomben“ ist nach dem lateinischen Namen „ad ca-tacumbas“ gebildet, welches ursprünglich nur ein einziges Coemeterium, das-