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nen dorthin geführt hatte, so jetzt die Lebensnot und der Selbst-haltungstrieb. Bereits im Jahre zuvor hatte sich angesichts derGotengefahr diese Auswanderung gemehrt. Jetzt erreichten großeSchwärme von Fliehenden die syrische Küste. Viele derselbenwaren entblößt von Allem. Hieronymus sah in Bethlehem edleBörner um Almosen bitten und er öffnete vielen Hilfsbedürftigendie Pforte seines Klosters.
VI.
Wenn man es unternimmt, den Hergang der drei Plünde-rungstage aus dem Bereich unhistorischer und unsicherer Allge-meinurteile herauszunehmen, andererseits sie von dem Rankwerkder Legenden und willkürlichen Sensationsnachrichten zu befreien,so bleibt genug zuverlässiges Material zur Gewinnung eines Bildesübrig, dessen Züge wir hier mit möglichster Schärfe hinzeichnenwollen.
Wir haben im Laufe unserer Darstellung schon öfter be-merkt, daß die römische Stadtgeschichte verdunkelt worden istdurch einseitig archaeologische Behandlung, indem die Stadtge-schichte indentifiziert wird mit der Geschichte der Denkmäler derStadt. Diese Einseitigkeit ist es auch, an welcher die historischeBehandlung der Plünderungstage vom August 410 leidet.
Das Interesse für die Frage: „Haben die Goten die Denk-mäler der Stadt zerstört?“ hat die andere Frage beiseite gescho-ben: „Haben die Goten die Wohnviertel zerstört?“
Während die erstere Frage nach jetzt wohl allgemeiner Auf-fassung zu verneinen ist, wird der zweiten Frage fast jede Beach-tung versagt.
Die Frage ist aber schlechtweg zu bejahen, und zwar mitder Maßgabe, daß die Zerstörung der Wohnviertel die sofortigeund dauernde Entleerung der ganzen Stadt bewirkt und dieFolge gehabt hat, daß das bis dahin dichtbewohnte Stadtgebietin eine Trümmerfläche verwandelt, zugleich das archaeologischeStadtgebiet seiner lebendigen Beziehungen entkleidet und in ei-