O d o a k e r
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Odoaker empfing Sicilien von Geiserich als tributäres Land; un-ternahm, als Julius Nepos, der letzte abendländische Kaiser, 480ermordet worden war, einen Zug nach Dalmatien , besiegte undverpflanzte die Rugier, ohne daß im staatsrechtlichen VerhältnisseItaliens und Roms zu Constantinopel etwas geändert wordenwäre. Der Besitzstand allein ward anders, da gleich anfänglichein Drittel der italienischen Besitzungen an die deutschen VölkerOdoakers abgetreten werden mußte, deren Heerkönig er war,nicht aber der Römer Italiens (rex gentium, nicht Romanorum).„Wie man noch immer eine weltgeschichtliche Periode mit demJ. 476 abgrenzen kann, scheint mir nur durch gedankenlosenEigensinn erklärlich.“
F. Gregorovius (1859):
„Unfähig sich zu neuen politischen Begriffen zu erheben,übernahm der unwissende, aber kräftige und wohlwollende Odo-aker die Trümmer des Römerreichs, worin er seine Kriegerkasteansiedelte. Gestützt auf diese, beraten von Lateinern, regierteer Italien von Ravenna aus in den Formen des hergebrachtenStaatswesens. Nichts wurde durch ihn daran verändert; derKaiser fehlte, doch der römische Staat dauerte als Schatten fort.“„Die Schonung der Kirche wie der alten Staatseinrichtungenwar für den germanischen Eroberer ein Gebot der Selbsterhal-tung.“ „Rom blieb ruhig und geschichtlos während der drei-zehn Jahre der duldsamen Regierung Odoakers . Hier hörenwir nur von Kirchenbauten und von der Entwicklung des Cultusder Heiligen.“ „Odoakers Stammesgenossen bildeten in Italien keine Nation, sondern nur einen buntgemischten Schwarm vonkriegerischen Abenteurern, deren rohe Barbarei eine unausfüll-bare Kluft von der römischen Bildung trennte. Die RegierungOdoakers war demnach nichts anderes als eine militärische La-gerherrschaft, und so hohe Würden des Reichs er auch trug, blieber doch selbst in Ravenna ein gefürchteter und gehaßter Fremd-ling, unvermögend, die italische Krone in seinem Stamme Enkelnzu überliefern. Der byzantinische Kaiser betrachtete ihn alsUsurpator und wartete nur auf die erste Gelegenheit, ihn zubeseitigen.“