Theodorlch der Große
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Dieser Zusammenhang wird durch folgende Darstellung vonL. v. Ranke (Weltgeschichte, 4. Teil, 13. Kapitel) beleuchtet,welche darum hier Platz findet, weil sie veranschaulicht, wieTheodorich durch den Umschwung von 523 persönlich erschüttertwerden mußte Die lebendige persönliche Stellungnahme Rankeszu Theodorich in dieser Darstellung erscheint uns als historischesDokument.
„Mit der römischen Geistlichkeit war Theodorich nicht alleinpacificiert, sondern in einem engen Verhältnis von Gegenseitig-keit begriffen, wo der eine Teil des anderen nicht entbehrenkonnte. Ohne Zweifel hat das dazu beigetragen, daß er an derbisherigen Kultur und Sitte festhielt. Die gelehrten Instituteblieben bestehen, in Rom wurde Jurisprudenz und Medicin ge-lehrt. Rom hatte nochmals einen Philosophen, der nicht zwardurch eigentümliche Gedanken oder Gründung eines Systemsglänzte, aber durch Mitteilungen aus den älteren großen Philoso-phen den größten Einfluß auf die Nachwelt gehabt hat. Boetius (Manlius Anicius Severinus Boetius ) ist vor allen Dingen einAristoteliker; er hat durch Übertragungen einer ganzen Reihevon Werken dieser Schule sie in der lateinischen Welt eingebür-gert. Aber zugleich ist er ein großer Bewunderer Platos. Erhat vieles aufgenommen, was dem Neuplatonismus angehört, ohnedoch die Extravaganzen desselben zu teilen. Nirgends erscheinter als Christ. Aber in dem System seiner Gedanken findet sichauch nichts, was dem Christentum widerspräche. Es ist nur phi-losophische Doctrin, deren Wert darin liegt, daß sie mit derchristlichen Weltanschauung vereinbar ist. Der gotische Königbeschützte den Philosophen, wie er die Geistlichkeit beschützte.Boetius stammte aus einem der vornehmsten Geschlechter; erwurde von Theodorich zum Consul gemacht (510) und hatte ei-nigen Anteil an den Staatsgeschäften. Die senatorischen Familienund die Erblichkeit ihrer Würde wurden von der neuen Regie-rung anerkannt.“
„Theodorich legt Wert darauf, daß er Gewalttätigkeiten sei-ner Goten und überhaupt der Organe der öffentlichen Autoritätentgegentrete. Er hatte ein Gefühl für das, was man die römische