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Wende vom Mittelalter zur Neuzeit
Es muß hervorgehoben werden, daß der neue Papst in Romwie im Auslande ganz überwiegend mit Sympathien aufgenom-men wurde, was angesichts der Offenkundigkeit seines zügel-losen Lebenswandels die Geschichtsschreibung mit keinem ande-ren Maßstabe als demjenigen der Zeit berichten kann.
Ein Zeitgenosse, der Borjas Wesen schildert, sagte von ihm:„Er ist ein Mann von hochstrebendem Sinn, bei mäßiger Bil-dung, von fertiger und kraftvoll gesetzter Rede, verschlagenvon Natur, und vor allem von bewundernswertem Verstände inder Behandlung der Geschäfte.“
Sigismondo de’ Conti , der Gelegenheit hatte, den KardinalBorja genau kennen zu lernen, nennt ihn „einen äußerst ge-wandten Mann, der mit großer geistiger Begabung eine ausge-dehnte Geschäftsgewandtheit verbindet.“ „Seit 37 Jahren“, sofährt er fort, „sitzt er im Kardinalskolleg, und seit seiner Er-hebung durch seinen Oheim Calixtus III. hat er niemals einKonsistorium verabsäumt, außer bei Krankheit, was übrigenssehr selten der Fall war. Bei Pius II., Paul II., Sixtus IV. undInnocenz VIII. galt er viel. Er war Legat gewesen in Spanien und Italien . Auf die Etikette verstand er sich weit besser alsandere. Er wußte sich sehr geschickt zu geben, verfügteüber eine glänzende Sprache und würdevolles Auftreten. Dazukam seine majestätische Gestalt. Auch stand er gerade in demAlter, in welchem nach Aristoteles die Menschen am klügstensind, er zählte etwa sechzig Jahre. Infolge seiner körperlichenRüstigkeit und geistigen Frische konnte er den Verpflichtungenseiner neuen Stellung wohl entsprechen.“
II.
Der neue Papst schien zunächst nicht den Nepotismus pfle-gen zu wollen, welcher die Regierung des ersten Borgia-Papstescharakterisiert und damals (1458) den „ersten Sturz der Borgia“zur Folge gehabt hatte. Der Kardinal Borgia betrachtete viel-mehr, bevor er (1492) Papst wurde, seine spanische Heimat alsdas Land, wo er seine Kinder versorgen wollte, was ihm die Be-reitwilligkeit Ferdinands des Katholischen, König von Spanien,.