Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
Entstehung
Seite
1193
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Alexander hatte schon als Kardinal im Februar 1491 sieeinem jungen in Valencia lebenden Edelmanne gerichtlich ver-lobt, dem Don Cherubin Juan de Centelles, Herrn von ValAyora. Diesen Kontrakt hatte er aufgehoben. Er hatte Lu-crezia dann rechtskräftig verlobt mit Gasparo von Procida , demSohne des Grafen Gian Francesco von Aversa, eines Spaniers.Kaum Papst geworden, hob Alexander auch diese Verbindungauf (9. Nov. 1492), um seine junge Tochter günstiger zu ver-mählen. Ascanio Sforza , jetzt der einflußreichste Kardinal undder Vertraute Alexanders, hatte die Vermählung Lucrezias miteinem Mitgliede seines Hauses betrieben, und dieser Günstlingwar der nunmehrige junge Gemahl der Lucrezia, GiovanniSforza .

Mit ihrer Vermählung änderte sich für Lucrezia zunächstso gut wie nichts in ihren Lebensverhältnissen. Sie hielt wie bis-her einen Hof beim Vatikan , den ihr Vater reichlich ausgestattethatte, und sie war im täglichen Verkehr mit ihren Brüdern, anderen Festen sie als Hauptzierde teilnahm.

Uber ihren Charakter ist zu sagen:Sie war nicht besserund nicht schlimmer als die Frauen ihrer Zeit. Sie war lebens-froh und leichtsinnig.

Daß sie politischen Ränken oder gar Verbrechen zuneige,ist ihr erst später, und zwar in der Hauptsache wahrheitswidrig,nachgesagt worden. Was die Geschichtsforschung hierüber fest-gestellt hat, wird durch F. Gregorovius in folgenden Sätzen zu-sammengefaßt, mit dem auch L. v. Pastor übereinstimmt.

Wenn Lucrezia nicht die Tochter Alexanders VI. und dieSchwester Cäsars gewesen wäre, so würde sie kaum in der Ge-schichte ihrer Zeit bemerkt worden sein, oder nur als ein reizen-des, vielumworbenes Weib in der Masse der Gesellschaft sichverloren haben. Doch in den Händen ihres Vaters und Bruderswurde sie das Werkzeug und auch das Opfer von politischen

Neomario, Geschichte der Stadt Rom II.

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