Teil eines Werkes 
2 (1933) Von der Zeit des Kaisers Konstantin bis auf die Neuzeit
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Rom von 1492 bis 1592

der päpstlichen Kapelle, selbst die kostbaren Tapeten Raffaelsversetzt werden.

Schlimmer aber noch als die Geldnot war die Gefahr,welche in der inneren Zerrissenheit und völligen Verweltlichungdes Kardinalkollegiums selbst lag, und wodurch die Frage derNachfolgschaft des Papstes dem Maßstab des Wohles der Kirchesowie des Ansehens des Papsttums gänzlich entrückt und in denwilden Strudel unabsehbarer Parteikämpfe geworfen ward.

Es schien, daß ein neues Schisma unvermeidlich sei.

In dieser Lage brach ttnter den Römern eine allgemeineinnere Empörung aus, welche sich gegen den verstorbenen Papst,gegen die zur Wahl des neuen Papstes berufenen Kardinäle undgegen die zahlreichen Bewerber um die Nachfolgschaft richtete.

Die Form, in welcher diese Empörung sich Luft machte,war eine Flochflut vonPasquillen , die in einer das Niveaudes Spottes weit überschreitenden, bösartigen, verleumderischen,niedrigen und frevelhaften Art *), und in einer nie dagewe-senen Massenhaftigkeit die Stadt erfüllten.

*) Der NamePasquill knüpft an eine im 15. Jahrhundert in der Näheder Piazza di Siena ausgegrabene, das heißt halb bloßgelegte, verstümmelte Mar-morgruppe an, welche an Wundern den Hercules, welcher den Geryon erwürgtoder den Menelaus, der den toten Patroklus trägt, darstellt. Jahre lang blieb dieserTorso zunächst auf der Straße liegen, sodaß man bei Regenwetter über denMarmorrücken der Hauptfigur fortzuschreiten pflegte. Im Jahr 1501 ließ dannder Kardinal Oliviero Caraffa die Gruppe beim palazzo Braschi auf ein Postamentstellen (Via di Pasquino an der Piazza Navona). Der volkstümliche Name Pas-quino war für den Torso schon am Ende des 15. Jahrhunderts in Gebrauch, wieman behauptet, von einem witzigen Schneider, welcher dort in der Nähe seineWerkstatt hatte, oder von einem Schulmeister. Sein Name ging sodann auf dieEpigramme über, die der Figur auf ihrem Postament angeheftet zu werden pflegten.Dies geschah besonders am Fest S. Marco den 25. April. An diesem Tage pflegtendie Priester von S. Lorenzo in Damaso auf einem steinernen Sitz in der Nähejener Figur eine Zeitlang auszuruhen, und weil dieser Sitz zu solchem Zweck mitTeppichen bedeckt wurde, entstand die Sitte, die verstümmelte Statue selbst aus-zuschmücken. Maler vergnügten sich damit, ihr das Gesicht zu färben undihr Gewänder anzuziehen, während Literaten Epigramme an ihr Fußgestellhefteten. Im Jahre 1509 trug sie nicht weniger als 3000 Epigramme an sich.Im Jahre 1521 nahm die Sitte einen Umfang an wie nie zuvor.Die Statue