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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
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in Sizilien geworden. Die so lebendige, mich anlegendeGegenwart fährte mich dann bald anf die Vergangenheitzurück. Znnächst fing ich damit an, Reisebeschreibungen des18. und 19. Jahrhunderts zu lesen, um mich zu orien-tieren. Dann begann ich Bücher zu ihr zu sammeln. ImLaufe von fünf Jahren habe ich auch eine Libliotdeca Liculazusammen gebracht, wie später wohl keine in Deutschland be-stand. Sie ist erst zerstreut worden, als ich mich überzeugthatte, daß ich die geplante Geschichte des mittelalterlichenllnteritaliens wegen meiner schwachen Augen doch nicht werdeschreiben können. Einzelne besonders seltene Sachen sind nachBerlin und Rom gekommen, die Mehrzahl der Werke dannnach Straßburg . Aber nicht nur um die Gegenwart derInsel aus ihrer Vergangenheit begreifen zu lernen, begannich sizilische Geschichte zu studieren. Hier wie kaum irgend-wo anders wirkt die in den erhaltenen Monumenten der Ver-gangenheit noch sozusagen präsente Vorzeit aus jedes empfäng-liche Gemüt durch sich selbst ein. Im Sommer 18l>0 hatteich nur die nächste Umgebung Messinas gesehen. Bei einemunschuldigen Spaziergange mit Bekannten wäre» wir beinahevon neapolitanischen Wachtposten erschossen worden. Erst am24. Oktober kam ich nach Taormina . Wer heute dort in denopulenten, znm Teil deutschen Pensionen ein clolce kar irieirteführt, macht sich kaum eine Vorstellung davon, wie man da-mals hier reiste und dann wohnte, d. h. nicht wohnte. Dennman mußte am Fuße des Tanros in Giardini übernachten.Vielleicht trugen die Unbequemlichkeiten einer solchen Reise mitdazu bei, den mit ihr vcrbundeueu Genuß nur noch zusteigern. Wer im frühesten Morgengrauen von Giardini densteilen und steinigen Fußpfad hinaufgestiegen ist und dannvon der Hohe des griechisch-römischen Theaters die erstenStrahlen der aus dem Meere aufsteigenden Sonne das blendend-weiße Schncchaupt des Ätna umblitzcn gesehen hat, der mußtejeglichen Sinnes für Natnrschöuheit bar sein, wenn er hiernicht in Entzücken und Bewunderung ausgebrvchen wäre. Ich