Druckschrift 
Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
52
Einzelbild herunterladen
 

52

ficht in die Entwicklung der modernen Philosophie zn schaffenund kam, ich weis; nicht mehr recht wie, sofort auf Fragennach der Entstehung der Religionen überhaupt. Mir war esschon früher ein Problem gewesen, dein ich nachgrübelte, wiedie Hellenen sich ihre Götterstatnen verfertigt und sie dannhatten anbeten können. Jetzt erweiterte sich mir das Problemganz allgemein auf die Entstehung des religiösen Glaubensund der dann daraus erwachsenden Verehrung des Gött-lichen. Wir diskutierten derartige Fragen häufig unter-einander ohne allzu große Leidenschaftlichkeit. Bei der Machtder kirchlichen Tradition und Lebensgcwohnheit, in der wirgrößtenteils aufgewachsen waren, blieben aber diese Fragenimmer noch mehr lusus in§enü, als daß sie uns aus denBahnen des christlich-religiösen Empfindens und Handelnsherausgeworfen Hütten. Ich führe diese Dinge hier auch nuran, um zn zeigen, daß wir weit über das theologische Brot-studium hinaus (ich z. B. mußte in meinem ersten Semesternoch ein hebräisches Privatissimum nehmen, um in die theo-logische Stipendiatenanstalt aufgenommen werden zu können)unsere Gedanken auf verschiedenen Gebieten llmblick haltenließen und in heißem Bemühen nach persönlich sich anzueig-nender Überzeugung abmühten. Mir wurde das sehr erschwertdurch die bald gewonnene Überzeugung, daß ich nicht im-stande sei, den Ansprüchen, welche die Fanatiker VilmarischerObservanz an die stellten, welche den wahren Glauben habenwollten, jemals zn genügen. Mein historischer Sinn, ich darfauch wohl sagen mein sittliches Bewußtsein, bäumte sich gegendie Lehre von Männern auf, denen das Christentum nur inganz orthodoxen Formeln und als die Religion des politischenAbsolutismus wertvoll zu sein schien. Und diese selbst überprotestantische Grundbegriffe hinausgehende Richtung un-ter meinen Bekannten durch einige Schüler Vilmars ver-treten, die nicht zu den liebenswürdigsten Kommilitonen ge-hörten war ja jetzt in Hessen durch Hassenpflng zur herr-schenden geworden.