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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
Seite
189
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mehr nahe. Als eine sehr schwere Krankheit sie twr langerals einem Jahrzehnt überfallen hatte, drangen ihre Hallenser Freunde in sie, zn ihnen herüber zu ziehen. Auch ich redeteihr noch vor einigen Jahren einmal in Weißenfels zu. Dazeigte sie mir den bor ihrem Fenster ruhig dahin fließendenSaalearm, die grüne mit hohen Bäumen jenseits bestandeneInsel und fragte mich, ob sie denn ihre Vögel, die so lustigmusizierten, verlassen dürfe. Sie wollte in Weiszenfels sterben.

Nachdem sie noch in diesem Frühjahre die Jahres-versammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar besucht hatte,erschreckte sie das völlige Erblinden eines Auges. Darüberkonnte sie Alfred Graefe , der sie von Jugend an gekannt undgeschätzt hatte und jetzt zu ihr geeilt war, insofern beruhigen,als er auf dem zweiten Auge noch keine Entwicklung desStaarleidens konstatieren konnte. Aber lange sollte ihr dasLicht dieser Welt nicht mehr leuchten. Ende August erfaßtesie ein krebsartiges Magenleiden heftiger und warf sie aufsKrankenlager. Dieser Krankheit ist dann, umgeben und treugepflegt von ihrer ältesten Schwägerin und deren zwei Töch-tern, die vielgeprüfte, aber ihrer selbst sichere, siegreiche Dul-derin und Dichterin in der Frühe des 24. Septembers erlegen.