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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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mit dem sie cin inniges Freundschaftsverhältnis seit 1881verknüpfte, nennt siedie ihm unentbehrliche" Beraterin undBeurteilern: seiner Schöpfungen; und Frau Marie von Ebner-Eschenbach wird mir verzeihen, wenn ich hier wiederhole, wassie einmal im Eifer für die Freundin gesagt, daß sie näm-lich bereit sei, alle ihre Werke fürDie letzte Reckenburgerin"hinzugeben.

Die Dichterin selbst hat bescheidener über ihre literarischenLeistungen geurteilt. Doch war sie stolz darauf, daß dieseihr die nicht von ihr gesuchte Freundschaft eines solchen Mannesund einer solchen Frau eingetragen hatten. Bei persönlichenZusammenkünften auf dem Kilchbcrge bei Zürich und inReichenhall wird Lonise dann Wohl den Vertrauten auch Ant-wort auf ihre Fragen, wie sie ihre Romane komponiere undderen Fabel finde, gegeben und ihnen lächelnd mitgeteilthaben, wie gerade die beiden einzigen ihrer Erzählungen, zuder ihr wirkliche Menschen gesessen hatten (Natur und Gnade"undGeschichte einer Häßlichen"), von der Kritik wegen ihrerNnwahrscheinlichkeit beanstandet worden seien, während daseinzige Faktum, das zur AusgestaltungDer letzten Rccken-burgerin" geführt, darin bestanden, daß cin hergelaufenerStrolch sich einer ehrbaren Dame in Weißenfels als frühausgesetzter Sproß habe oktroyieren wollen. Stolz war Loniseauch darauf, daß fast alle bedeutenden deutsch -österreichischenSchriftsteller ihr zu ihren: siebzigsten Geburtstage ein Präch-tiges Album mit eigenhändigen Widmungen verehrten. Er-freulich war es ihr, daß die deutsche Schiller-Stiftung sie zuihrer Pensionärin ernannte.

Von dieser Pension und dem Ertrage ihrer Werke konntedie Dichterin das letzte Jahrzehnt ihres Lebens auch bcquemerleben, ja einzelne weitere Reisen unternehmen. Das Zielihrer Sehnsucht, Italien , hat sie aber nicht erreichen sollen.Als sie einmal schon die Paßhöhe der Alpen erstiegen hatte, triebsie der Ausbruch der Cholera nach ihrer Heimatstadt zurück,in der sie immer mehr vereinsamte. Niemand stand ihr dort