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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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fühlte sich nun viel wohler in der neuen Heimat, wahrendseine Frau ihr keinen Geschmack abgewinnen konnte. Siesollte auch in Holland nicht recht warm werden. Schon imfolgenden Jahre erhielt Bamberger von seinem Onkel in Paris den Antrag, in sein Bankhans als Prokurist mit einem aller-dings kleinen Gewinnanteil einzutreten. Da die Frau sehrenergisch dafür eintrat, überwand der Mann rasch sein Be-denken. Aber so leicht wurde auch diesmal die Ausführungdes Planes nicht. Bamberger konnte als deutscher Revolu-tionär und Flüchtling nicht nach Frankreich hinein. Ein

Amsterdamer Freund verschaffte ihm hierzu von dem hollän-dischen Ministerium des Auswärtigen eine fingierte Depesche,die er als Kurier nach Paris bringen sollte. Erst einmalmit ihrer Hülfe glücklich jenseits der Grenze angekommen,verblieb er unangefochten als Fremder in der großen Stadt.Er wurde jedoch Polizeilich sorgfältig überwacht und war sowenig gut bei der Regierung angeschrieben, daß man ihmspäter nicht einmal das Oroir cke ckomicile civil, das, vonder Naturalisation ganz verschieden, nur die Rechte desdauernden bürgerlichen Wohnsitzes in sich begreift, bewilligte.Er konnte auch noch als Chef des angesehenen BankhausesBischoffsheim jeden Tag polizeilich ausgewiesen werden. Dasist ihm nicht widerfahren. Denn wenn er auch vorzugsweisedie dem Kaisertum Louis Napoleon feindlichen Salons be-suchte, so hat er sich natürlich nicht aktiv an dem politischenLeben Frankreichs beteiligt, dafür aber alle künstlerischen undwissenschaftlichen Genüsse der Stadt in sich aufgenommen, diebis zum Jahre 1870 hierin in Europa die reichste war.

Es ist bezeichnend für Bamberger, daß er den Teil seinerErinnerungen", der sich mit seinem Leben in Paris beschäftigtund der meines Erachtens den inhaltvollsten und kultur-geschichtlich wichtigsten Teil derselben bildet (S. 226 bis 498),nicht etwa mit der Darlegung seiner Stellung in dem Bank-hause seines Onkels, und seiner Tätigkeit und seiner Erfolgein demselben beginnt, sondern mit einer Schilderung seines