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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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Weise bei ihm ausgebildet." Dieses Urteil möchte ich jedenfallsfür zutreffender halten, als die einige Seiten später gegebeneErklärung, warum das Urteil über den Fürsten allgemein sohart gelautet habe. Bähr spricht hier von denvielen nichtliebenswürdigen Eigentümlichkeiten" des Kurfürsten undversichert, es habe sich auch die alte Erfahrung bestätigt,daß dem Menschen am wenigsten persönliche Unliebenswürdig-keit verziehen wird." Was Bähr nun weiter hier zur Zeichnungdes Kurfürsten beibringt, widerspricht zwar der früheren Cha-rakteristik keineswegs, ergänzt sie vielmehr. Aber man siehtdoch, daß er gern für den Kurfürsten auf mildernde Umständeplädieren möchte, wenn er hervorhebt, daß man ihm seineUnliebenswürdigkeit besonders hoch angerechnet habe. DennLiebenswürdigkeit ist keineswegs eine Eigenschaft, die manin erster Reihe von einem Fürsten verlangt, nnd deren Mangeleine Regierung unmöglich macht. Will man den Kurfürstenmit einem Wort charakterisieren, so darf man ihn einenunglücklichen Herrscher nennen: unglücklich veranlagt, unglück-lich durch Erziehung, durch die Verhältnisse seiner Elternnnd durch seine Eheschließung, unglücklich aber auch seinemeigenen Lebcnsgefühl nach. Wer kann bei einem so widrigenZusammenwirken aller in Betracht kommenden Lebcnsbedin-gnngen hier Verhängnis und persönliche Schuld richtig ab-wägen wollen. Nur daran muß als an einer Tatsache festge-halten werden, daß dieser unglückliche Fürst durch seine Tatenals Regent nnd Mensch das sittliche Verhältnis, das zwischenFürst und Volk einmal bestehen muh, zerstört hat. Wer diesesleugnet, fälscht die Tatsachen.

Es kann natürlich nicht meine Absicht sein, hier die35 jährige Regierung Friedrich Wilhelms von Hessen , die,von geringen Unterbrechungen abgesehen, von einem fort-dauernden Kampf zwischen ihm und der nach verschiedene»Wahlgesetzen erkorenen Volksvertretung ausgefüllt war, auchnur in flüchtigen Umrissen zu skizzieren. Dazu fehlt derRaum und Wohl auch das Interesse bei den Lesern. Wer