376
gewesen, daß sich schon 1860 ein solcher Widerstand zurVerteidigung der Verfassung gegen den Willen des Landes-herrn organisiert hätte. Selbst mit der oktroyierten VerfassungHasscnpflugs, deren Wahlgesetz kaum noch einen Schein derWahlfrciheit aufrecht erhielt, konnte ja auch dieser keine ge-fügige Volksvertretung zustande bringen. Als nun 1866 dieRegierung des Kurfürsten zusammenbrach, machte sich da etwaeine tiefgehende Erregung im Volke bemerkbar? Die einbe-rufenen Soldaten schlichen sich pflichtschuldigst zu ihren Regi-mentern durch, aber es wurde auch darüber gescherzt, manwerde Wilhelmshöhe zu einem zweiten Gaeta machen. DerSatz von der ewigen Anmaßung der Tyrannen, welche ver-langten, daß ihre Untertanen ihnen gegenüber Sklaven, aberHelden zu ihrer Verteidigung sein sollten, den Pictro Collettaeinmal in Beziehung auf neapolitanische Verhältnisse aus-gesprochen hat, bewahrheitete sich auch hier. Es ist wohlkaum ein alter deutscher Staat so in sich zusammengebrochen,wie das ehemalige Kurfürstentum Hessen . Als die knrhessischcStändeversammlung, welche sich mit großer Majorität am16. Juni 1866 für die Nichtmobilisiernng der Truppen, d. h.für das Zusammengehen Hessens mit Preußen beim Bundes-tage, ausgesprochen hatte, vertagt werden sollte, beschloß ichim sicheren Vorgefühl, daß die letzte Sitzung einer kurhessi-schen Ständeversammlung gekommen sein möge, diesen: Aktebeizuwohnen. Ich war noch nie in dem Ständehause gewesen,und mußte mich in den: Gebäude, „das viele Fenster, aberwenig Licht hatte," zurechtweisen lassen. Außer nur war nurnoch eine Person auf der Znschauertribüne. Als der Land-tagskommissar die fürstliche Vertagungsordre ganz geschäftlichund tonlos verlesen hatte, ertönte kein Hoch auf den Landes-herr::. Der Präsident schloß die Sitzung tiefernst mit denWorten: „Gott beschütze unser deutsches Vaterland." WenigeTage darauf zogen an einem frühen Morgen preußischeTruppen in Kassel ein. Es kamen Soldaten, mit ihren Ein-quatierungsbilletten versehen, die Königsstraße herunter und