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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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zu kräftigen. Mit den unklaren Fainilienverhältnissen desfürstlichen Hauses hing es ja auch zusammen, daß derälteste Schwiegersohn des Kurfürsten, Graf Pseuburg-Wäch-tersbach, den Premierminister seines Schwiegervaters, Hassen-pflug, vor dem Theater in Kassel anfiel und mit einem Stockemißhandelte. Alle diese Dinge, die ganz öffentlich vorge-gangen waren, und vieles andere, das durch Indiskretionender Söhne des Kurfürsten in Kassel und damit im Landebekannt geworden war, konnte natürlich nicht dazu beitragen,die Achtung vor diesem Herrscherpaare zu erhöhen. Warschon der Abschluß jener Ehe für viele ernste Männer imLande ein Stein des Anstoßes gewesen, so erschien das An-wachsen des Einflusses der Fürstin auf ihren Gemahl fürdie weitesten Kreise noch bedenklicher. Daß die Fürstin keinenSinn für die Interessen des Landes, sondern nur für dieihrer Familie haben könne, war die allgemeine Überzeugung.Ebenso fest stand aber auch bei vielen, daß die Fürstin ihrenEinfluß auf ihren Gemahl in wenig uneigennütziger Weiseverwerte. Hinterließ doch auch die Fürstin ein bedeutendesGelderbe, während der Kurfürst seinen neun Kindern einPrivatvermögen von weit über 7 000 000 Mark, die großeHerrschaft Horzowitz in Böhmen nicht mit einbegriffen, an-gesammelt hatte. Bähr bemerkt einmal,daß in den Völ-kern die Tatsache, mit wie wenig Weisheit die Welt regiertwird, wenig zum Bewußtsein komme," und meint, daß inHessen ein tiefer Mißmut über die Regierung des Kurfürstenin der Masse der Bevölkerung sich nicht fühlbar gemacht habe.Ich kann dagegen versichern, daß ich in meiner Jugend inden vierziger Jahren schon Bauern über die finanzielle Aus-beutung des Landes durch die kurfürstliche Familie habe klagenhören, und daß selbst in den kleineren Städten Spießbürgersich hierüber, wie über die ganze Regierungsweise des Fürsten ,sehr drastisch aussprachcn. Wenn auch nicht bei dem ganzenVolke eine tiefgehende Mißstimmung gegen die Regierungs-weise des Kurfürsten geherrscht hätte, wie wäre es möglich