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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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machte, sich in Kassel dauernd niederzulassen, dann ließ erihn Wohl mit der Nachricht bedrohen, er werde sichdemnächst standesgemäß verheiraten. Wie weit dieses wirk-lich im Plane des unglücklichen Mannes gelegen hatte, wirdsich schwerlich entscheiden lassen. Es ist kürzlich erzählt worden,der Kurfürst habe lange Jahre ein genaues Verzeichnis allerdeutschen ebenbürtigen Prinzessinnen bis zu deren 35. Lebens-jahre geführt, wie er nach seiner Vertreibung aus Hessen (1866)ein Verzeichnis über die Personen eigenhändig geführt hat,die nach seiner Rückkehr nach Kassel seinen Zorn am schwerstenempfinden sollten. In den früheren Jahren ihrer Ehe hatdie Gräfin von Schaumburg selbst sehr lebhaft an die Mög-lichkeit einer Trennung ihrer Ehe' gedacht. Sie ließ sich vonihrem Gemahl für sich und ihre Kinder eine Anweisung auf500 000 Taler ausstellen, die aus dem fürstlichen Fidci-kommisvcrmögen genommen werden sollten, eine Transaktion,die auch der noch lebende Vater des damaligen Kronprinzenanerkannt hat. Allein es ist nie zu einer Scheidung ge-kommen. Der Fürst hat seiner Frau die Treue gewahrt, es istvon einer Maitressenwirtschaft, wie sie sein Vater und Groß-vater getrieben hatten, während seiner Regierung in Kassel nie im Entferntesten die Rede gewesen. Mochten bei deinJähzorn des Gatten sich auch noch so viele leidenschaftlicheSzenen im Palais abspielen, so wurde der eheliche Friedeimmer wieder hergestellt, ja, wie vielfach versichert wird,vom Fürsten oft mit klingender Münze erkauft. Als die Söhneder Fürstin heranwuchsen und viel Geld verbrauchten, gabdas auch die Veranlassung zu sehr lebhaften Erörterungenzwischen den Ehegatten, namentlich da die Söhne aus ihrerersten Ehe, welche nach einem alten, ausgcstorbenen hessischenAdelsgcschlcchte zu Freiherren von Schöllet) ernannt wordenwaren, die besondere Liebe der Mutter besaßen. Die Heirats-affären der Söhne des Kurfürsten, von denen der älteste sichz. B. mit der Tochter des Komikers des Kasseler Hoftheatcrsverheiratete, trugen auch nicht dazu bei, den Familienfrieden