Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff
Entstehung
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Die Sitte, ihre Entstehung, ihr Wesen.

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schwierigen Entscheidung nicht fähig wäre. Indem die Regel, welche Sitte und Recht,königliche oder priesterliche Macht aufgestellt hat, sagt, das sollst du thun und jenes lassen,greift in das unfertige Werden und Drängen der Triebe, in den Kampf der Leiden-schaften und Instinkte doch überhaupt eine ordnende sittliche Gewalt ein; die Gewöhnung,ihr sich zu beugen, ist an sich eines der wesentlichsten Mittel der Erziehung.

Das Entstehen dieser Regeln, welche alles gesellschaftliche, auch alles wirtschaftlicheLeben beherrschen, welche in der Art ihrer formalen Gestaltung zugleich wesentlich dieEpochen dieses Lebens bestimmen, haben wir nun darzustellen. Wir haben zu zeigen,wie sie in der ältesten Zeit als einheitliche Sitte entstehen und später sich spalten inRecht, Sitte und Moral, welche Folgen diese Spaltung hat.

25. Die Entstehung und Bedeutung der Sitte.Es giebt", sagt Lubbock,keinen größeren Irrtum, als den Wilden den Vorzug einer größeren persönlichen Freiheitzuzuschreiben; jede ihrer Lcbensäußerungen wird durch zahllose Regeln beschränkt, diefreilich ungeschrieben, aber darum nicht minder bedeutend sind." Lange ehe es eineneigentlichen Staat, ein Gerichtsverfahren, ein ausgebildetes Recht giebt, beherrschen festeNormen, welche viclsach in rhythmischer Rede überliefert, durch Ceremonien und Symbolealler Art in ihrer Ausübung gesichert sind, alles äußere Leben der primitiven Stämme.Es handelt sich um die Sitte und die Gewohnheiten, die aus den geistigen Kollektivkräftcnhervorgehen. Alles bei einer Gesamtheit von Menschen Geübte, Gewohnte, Gebräuchliche,das nicht als eine Äußerung der Naturtriebe sich darstellt, und andererseits von derWillkür der einzelnen unabhängig als gut und schicklich, als angemessen, als würdigangenommen wird, sagt Lazarus, bezeichnen wir als Sitte. Die Gewohnheit, sagtMarheineke, ist eine zweite durch den Geist gesetzte Natur. Die gemeinsame Gewohnheitmehrerer, die als Verpflichtung gefühlt wird, die übertreten, verletzt werden kann, wirdzur Sitte.

Die Gewohnheit entsteht mit und durch die Gesellschaft; aber sie zeigt sich auchschon im Leben des einzelnen, muß schon hier sich bilden. Sie ergiebt sich aus derWiederkehr des Gleichen im menschlichen Leben. Ohne Wiederkehr eines Gleichen gäbees keine Erinnerung, keine Erkenntnis, kein Vergleichen und Unterscheiden. Der Kreislaufdes tierischen Daseins, Wachen und Schlafen, periodisches Essen, Arbeit und Erholung,dann der Kreislauf der Natur, Sommer und Winter, der Auf- und Niedergang vonSonne, Mond und Sternen prägen allem menschlichen Leben den Stempel ewiger Wieder-holung des Gleichen auf. Das Kind schon, das täglich zu gleicher Zeit seine Milcherhält, verlangt stürmisch die Einhaltung der Regel, wie die gemeinsamen Mahlzeitenden Ausgangspunkt für eine regelmäßige Zeiteinteilung des Tages bildeten. Auch diehöheren Tiere haben ihre Instinkte unter demselben Drucke der sich gleichmäßig wieder-holenden Bedürfnisse zu festen Gewohnheiten ausgebildet, wie die Bienen im Biencnstaat.Bei dem Menschen kommt hinzu, daß es sein Denkgesetz und seinen Ordnungssinnbefriedigt, wenn im gleichen Falle gleich gehandelt wird. Aus dem Wirrwarr der Reizeund Triebe, der Einfälle und Leidenschaften entwickelt so stets Erfahrung und Erinnerunggewohnheitsmäßiges gleiches Handeln.

Es wird zur Sitte durch die gemeinsamen Vorstellungen und Gefühle mehrerer,durch die gemeinsamen sittlichen Urteile und Erinnerungen; aus gleicher Lage entspringengleiche Willensanläufe und Handlungen, gleiche Ceremonien, gleiche Formen des Handelns.Das sittliche Urteil sagt, diese bestimmte Form sei die zu billigende. Es entsteht darausdas Gefühl der Verpflichtung, das sofort durch Mißachtung der Genossen, Strafe, religiös?Furcht verstärkt wird. Die Formen des religiösen Kultus waren überall die wichtigsteVeranlassung zur Entstehung fester Sitten überhaupt.

Jede Sitte giebt irgend einer sich wiederholenden Handlung ein bestimmtes, stetswieder erkennbares Gepräge. Von den einfachen Bewegungen des Körpers bis zu denverwickcltstcn Lebenseinrichtungen sucht der Mensch an die Stelle des natürlichen Ablaufesder Ereignisse eine ceremoniöse Ordnung zu setzen, mit dem Anspruch, daß nur das soGethane richtig geschehen sei. Alle menschlichen Handlungen werden so gestempelt, inkonventionelle Forin umgeprägt. Sie erhalten zu ihrem natürlichen materiellen Inhalt

Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. I. 4