148
Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
61. Ethnographische Einzelbeschreibung: die niedrigsten Rassen.Gehen wir nach dem vorstehenden von der Annahme aus, es gebe verschiedene Rassen-und Völkertypen, welche durch die Vererbung,, ihrer körperlichen und geistigen Eigen-schaften wie durch die im ganzen vorhandene Überlieferung ihrer Vorstellungen, Sittenund Einrichtungen einen jedenfalls nur sehr langsam sich ändernden Charakter haben,so muß der wissenschaftliche Versuch, diese Typen zu schildern, angezeigt sein, so schwierigdie Aufgabe sein mag, so sehr ich gestehe, daß mir viele Kenntnisse und Eigenschaftendazu fehlen. Der Versuch wird doppelt schwierig, wenn man, wie hier, ganz kurz seinmuß. Aber ich wage ihn, weil auch der Anfänger volkswirtschaftlicher Studien ein Bilddavon bekommen muß, wie der verschiedene Volkscharakter auf die verschiedenen Gesell-schasts- und Wirtschaftszustände wirkt. Die Mittel zu dem Versuche liegen in derheutigen Völkerkunde, der Geschichte, der vergleichenden Psychologie, den Reisebeschrei-bungen, also in weit auseinander liegenden Wissensgebieten. Schon die Heterogenitätdes Materials wird eine nachsichtige Beurteilung des billigen Lesers herbeiführen.
Ich beginne, hauptsächlich im Anschluß an H. Spencer , mit einigen Strichen,welche sich aus die Australier, Polynesier, Buschmänner, Hottentotten, die niedrigststehenden Indianer ?e. beziehen; sie gehören zwar verschiedenen Raffen an, aber siegehören zusammen, sofern sie die unentwickeltsten, ältesten Rassentypen darstellen oderdurch Ungunst ihres Standortes, Trennung von den Kulturvölkern und andere Miß-stände aus das niedrigste Niveau menschlichen Lebens herabgedrückt sind.
Sie sind von niedriger Statur, haben im allgemeinen als Folge der Wirkungprimitiver Lebensweise unentwickeltere Beine als Arme, eine übermäßige Entwickelungder Verdauungsorgane, die der Ungleichmäßigkcit der Ernährung entspricht. Die Busch-männer verfügen über einen Magen, welcher demjenigen der Raubtiere sowohl hinsichtlichder Gefräßigkeit als hinsichtlich des Ertragens von Hunger vergleichbar ist. Damithängt die Unthätigkeit und Unfähigkeit zur Arbeit zusammen; zeitweise Überfüllungund zcitweifer Mangel hemmen gleichmäßig die zur Arbeit notwendige Lebensenergie.Die Körperkraft ist mäßig, nicht sowohl wegen mangelnder Muskel- als Nerven-ausbildung; das kleinere Gehirn, die geringere Gefühlsthätigkeit lasten es nicht zuerheblichen Kraftansammlungen kommen. Dagegen ist die Anpassung an die Unbildendes Klimas, der Witterung größer, ebenso wie die Fähigkeit, Wunden und Krankheitenzu überwinden. Unempfindlich gegen äußere Einwirkungen, bleiben solche Menschenauch Passiv und stumpf; früh geschlechtsreif, altern sie auch früh. Arm an Vorstellungen,welche die Nächstliegenden Begierden überschreiten, und unfähig, den unregelmäßigen Laufseiner Gefühle zu beherrschen, zeigt der primitive Mensch eine außerordentliche Un-beständigkeit, ein impulsives Wesen, ein unbedachtes Handeln, das sich aus den Emo-tionen fast nach der Art instinktiver Reflexbewegungen entladet. Künftige Erfolgewerden nicht vorgestellt, bewegen das Gemüt nicht; daher gänzliche Sorglosigkeit umdie Zukunft, kein Streben nach Besitz und dessen Erhaltung; Freigiebigkeit und Ver-schwendung, Mitgabe der Waffen und Werkzeuge ins Grab. Lange andauernde Faulheitwechselt mit kurzen, großen Anstrengungen des Spiels, des Tanzes, der Jagd und desKampses; meist fehlt noch jede Gewöhnung an stete Arbeit. Die gesellschaftliche Rücksicht-nahme auf andere Menschen wird durch die Leidenschaften des Augenblickes stets wiederzerstört; sie zeigt sich fast nur in der Eitelkeit und Putzsucht, in der Furcht vor Ver-achtung und Hohn, vor Gewalt und Strafe. Die heterogensten Gemütsbewegungenstehen unvermittelt und unausgeglichen nebeneinander, zärtliche Liebe und Milde nebenhärtestem Egoismus und Grausamkeit. Die geringe Entwickelung der gesellschaftlichenInstinkte hindert jedes Leben in größeren Gemeinschaften; es fehlt das Wohlwollen,das durch die Rücksichtnahme auf andere, ferner stehende Menschen sich bildet, derGerechtigkeitssinn, der erst eine Folge verwickelter Vorstellungen sein kann. Aber dieseMenschen werden Viel stärker und unerbittlicher, viel konservativer von den äußerenGebräuchen des Lebens, von der Sitte beherrscht, die sie in der Jugend gelernt. IhrNervensystem verliert überfrüh jede Bildsamkeit, wie sie zur Aufnahme der geringstenNeuerung nötig ist.